Mittwoch, 20. Juli 2011

Das Wassertropfenmodell



Ein Stein fällt von oben herab und taucht in eine glatte Wasseroberfläche ein, wobei sich das dabei zunächst in die Tiefe hinuntergezogene Wasser aufgrund seiner Oberflächenspannung anschließend plötzlich in umgekehrte Richtung nach oben weit über die Wasseroberfläche aufbäumt und dabei eine Pyramide bildet, an deren Ende sich ein oder mehrere Tropfen aus der Oberflächenspannung lösen und kurzzeitig ein vereinzeltes Dasein in Zeit und Raum führen, bevor auch sie wieder der Schwerkraft anheimfallen und sich in der Unendlichkeit der Wassertropfen zum großen Wasser vereinen. Diese Beschreibung stellt für mich eine wunderbar einfache und prägnante Metapher des Lebens überhaupt dar. Irgendwie kommt von irgendwo her das Leben jenseits des Verstehbaren in den Organismus (Wasser) und erhebt aus diesem eine individuelle Existenz, die organismisch aus dem All-Einen – dem ewigen Nu – wie eine Wasserpyramide emporgehoben wird. Alsbald entwickelt dieses neue Leben in seiner Heraushebung aus dem alles Leben verbindenden Urgrund mittels Interaktion mit seiner Umwelt ein Bild und damit ein Bewusstsein von sich und anderen. Je mehr organismische und später gedachte Selbstbildanteile der Mensch jedoch aus seinem Bild von sich ausblenden muss, desto mehr sorgt er sich nun um sein Geliebtsein durch seine Umwelt und damit um sein eingeengtes Selbst. Und je mehr er sich existenziell darum sorgt, desto mehr Energie muss er aufwenden, um die unliebsamen Selbstanteile vor sich selbst und vor anderen auszublenden und ein erwünschtes ideales Selbstbild nach außen zu präsentieren. Die Wasserpyramide spitzt sich so nach oben zu und wird am oberen Ende immer schwächer bis die Oberflächenspannung nicht mehr ausreicht und reißen muss. Das eingeengte und neurotische Ich wird immer enger, erregter und agitierter, bis es sich vor lauter Angst vor Anzweiflung und Ablehnung durch seine Umwelt aus der gemeinsamen sozialen Realität der Oberflächenspannung loslöst, um sich außerhalb der objektiven Realität in eine subjektive Realität der Psychose zu flüchten. Dort kapselt sich das um seine Existenz besorgte Ich von der objektiven Realität ab und zieht sich in eine Ich-Festung zurück, in der die soziale Umwelt halluziniert wird, um sich der befürchteten Anzweiflung realer Personen zu entziehen. Es ist die ursprünglich physische und später psychische Angst vor Objektverlust, Vereinzelung und Sinnlosigkeit, die einen in den von Bindung fast gänzlich losgelösten Wassertropfen hineinzwingt. Der Lebensweg zwingt uns aber irgendwann alle unweigerlich zur Rückkehr in den Urozean, aus dem alles Leben stammt. Für die seelische Gesundheit ist es also wichtig, sich bereits frühzeitig mit Fragen der Existenz auseinanderzusetzen, um sich wieder entspannter und weniger neurotisch dem Urozean des Nichts anzunähern, in dem ein Ich und jede Subjektivität keinerlei Bedeutung mehr haben und zuvor auch noch nie hatten. Der Weg dorthin führt aber nicht nur einfach über eine einseitige Auseinandersetzung mit den letzten existenziellen Dingen, wenngleich sie es uns erleichtern, alles scheinbar Bedeutungsvolle auch mit etwas mehr Abstand und Gelassenheit zu betrachten. Der eigentliche Weg führt über die individuelle Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie, welche die natürliche Wurzel für die Sorge um das eigene Ich bildet. In der persönlichen Entwicklungsgeschichte der sozialen Beziehungen zeigen sich die Ursachen für die zunehmende Ausblendung und Abwehr unliebsamer Selbstanteile auf. Ich muss den Hintergrund für meine Reduzierung des ursprünglich rein organismischen Ichs erfahren und begreifen, um mein umsorgtes Ich zunehmend loslassen zu können und in Beziehungen zeitweise selbstvergessen aufzugehen. Nach unten wird die Pyramide breiter und nimmt an sicherem Fundament zu, welches weniger Energieaufwand zum Selbsterhalt benötigt. Dort unten an der Basis muss man nicht mehr so viel Energie in Selbstbehauptung und neurotische Manipulation seiner Umwelt investieren. Das macht langfristig sowohl psychisch als auch physisch gelassener und gesünder. Alle großen Weisheiten, Philosophien und Religionen des Menschen bauen auf diesem Prinzip auf und mahnen zur frühzeitigen Auseinandersetzung mit dem eigenen Werden und Vergehen. Nur reicht eben der spirituelle oder philosophische Weg allein nicht aus. Der therapeutische Weg der Selbsterkenntnis ermöglicht erst das allmähliche Loslassen der neurotischen Ich-Verherrlichung. Beide Wege müssen sich gegenseitig ergänzen. Alles andere wäre nur gefährliche Einseitigkeit.

Mittwoch, 26. Januar 2011

Psychoanalyse und Typenlehre



In meiner Arbeit als Psychologe hat sich nun mehrere Jahre nach Entstehung dieser Arbeit immer wieder gezeigt, wie praktisch die psychoanalytische Charaktertypisierung als diagnostisches Instrument und als therapeutischer Leitfaden sein kann. Das bedeutet keineswegs, dass es einzig nach dieser Typisierung einen Leitfaden gibt. Jedoch zeigt sich in ihr die Bedeutung der Phänomenologie, welche den Menschen gemeinsam mit ihm selbst anhand einer grundlegenden Theorie zu verstehen versucht. Was bei diesem Verstehen entsteht ist keine objektive Wahrheit. Aber es ist eine subjektive Wahrheit, die mehr Selbstverständnis und damit mehr Selbststeuerungsfähigkeiten bringen kann und damit mehr Entscheidungsfreiheit für das eigene Handeln.

"Im Zuge dieser Arbeit war ich bemüht, die beiden psychologischen Schulen Analytische Psychologie und Psychoanalyse ausführlich und zugleich überschaubar darzustellen. Dem Leser sollte es ermöglicht werden, sich in die jeweiligen Theorien hineinzudenken und meine persönlichen Schlüsse durch eine anschauliche Beweisführung nachvollziehen zu können. Es war mir insgesamt ein wichtiges Anliegen, die enge Verwandtschaft beider Strömungen aufzuzeigen, ohne dabei die Daseinsberechtigung einer jeden einzelnen infrage zu stellen. Vielmehr ist es mein persönlicher Wunsch, die beiden Theorieansätze mit meiner Arbeit in ihren psychologischen und philosophischen Bedeutungen eingehend zu würdigen."


Titel: Psychoanalyse vs. Analytische Psychologie; Ein Vergleich zu den Persönlichkeitstypologien der Psychoanalyse und der Analytischen Psychologie
Autor: Andreas Mensch
Broschiert: 188 Seiten, 7 Abbildungen
Verlag: Books On Demand GmbH; 1. Auflage 2011
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-8423-3038-2
Preis: 14,-€

http://books.google.de/books?id=lEgNtzhbIXsC&printsec=frontcover&dq=andreas+mensch&hl=de#v=onepage&q&f=false






Inhaltsverzeichnis:

1 Zur Motivation des Vergleichs der Charaktertypologien der Psychoanalyse und der Analytischen Psychologie (C. G. Jung) und ihrer vermuteten Übereinstimmung 9
2 Ein kurzer Abriss zur Geschichte der Charakterbestimmung des Menschen 15
2.1 Einstieg in die Persönlichkeitspsychologie 15
2.2 Begriffsvielfalt in der Persönlichkeitspsychologie 18
2.3 Zur Typologie in der Persönlichkeitspsychologie 20
2.4 Die Geschichte der Charakterologie 22
2.4.1 Die Antike: Galenus und Hippokrates 22
2.4.2 Körperbau und Typologie: Kretschmer 23
2.4.3 Die Somatotypen: Sheldon 24
2.4.4 Freud 24
2.4.5 Reich 25
2.4.6 Riemann 27
2.4.7 Willi 27
2.4.8 Jung 28
2.4.9 Eine Metatheorie – Kelly 29
2.4.10 Allport 30
2.4.11 Eysenck 30
2.4.12 Neurobiologische Typengrundlagen 32
3 Einführung in die Charaktertypologie der Analytischen Psychologie 33
3.1 Warum Typologie? 33
3.2 Jung und seine Typologie 34
3.2.1 Aufbau der Psyche nach Jung 38
3.2.2 Der Weg zur Typologie 42
3.2.3 Die Einstellungen 45
3.2.4 Die Funktionstypen 47
3.3 Die Typen und ihre Bedeutung für die Individuation 53
4 Einführung in die Charaktertypologie der Psychoanalyse 61
4.1 Allgemein 61
4.2 Allgemeine psychoanalytische Typenlehre 62
4.3 Charakter nach Freud 64
4.3.1 Charakter und Gedächtnis 66
4.3.2 Charakter und Triebtheorie 68
4.3.3 Charakter und Objekteinverleibung 77
4.4 Wilhelm Reich – Der Charakter als Panzer 84
4.4.1 Die neurotischen Charaktere 88
4.4.2 Der hysterische Charakter 89
4.4.3 Der Zwangscharakter 90
4.4.4 Der phallisch-narzisstische Charakter 92
4.4.5 Der masochistische Charakter 93
4.4.6 Die emotionale Pest 95
4.5 Karl Abraham und seine Psychoanalytischen Studien zur Charakterbildung 97
4.5.1 Der Analcharakter 99
4.5.2 Der Oralcharakter 101
4.5.3 Der Genitalcharakter 102
4.6 Die Grundformen der Angst nach Riemann 103
4.6.1 Die schizoide Struktur 106
4.6.2 Die depressive Struktur 107
4.6.3 Die zwanghafte Struktur 108
4.6.4 Die hysterische Struktur 110
4.7 Charakter in der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik 111
4.8 Das Konzept nach Schultz-Hencke 117
4.8.1 Die schizoide Struktur 117
4.8.2 Die depressive Struktur 118
4.8.3 Die zwanghafte Struktur 119
4.8.4 Die hysterische Struktur 120
4.9 Zusammenfassung 121
5 Vergleich der psychoanalytischen und analytischen Charaktertypologie 123
5.1 Zur Vorgehensweise 123
5.2 Ein Vergleich nach Schultz-Hencke 124
5.3 Die Ausgangsbedingung für einen Vergleich 126
5.4 Einige theoretische Vorannahmen zum Vergleich 127
5.5 Ein Vergleich der Typen durch die Gegenüberstellung der Merkmalsbeschreibungen 134
5.5.1 Wahrnehmungsfunktion vs. Schizoide Struktur 135
5.5.2 Fühlfunktion vs. Depressive Struktur 137
5.5.3 Denkfunktion vs. Zwanghafte Struktur 138
5.5.4 Intuitionsfunktion vs. Hysterische Struktur 140
5.6 Resümee 143
6 Die Möglichkeit einer empirischen Untersuchung 149
6.1 Einleitung 149
6.2 Rorschach-Psychodiagnostiktest 150
6.2.1 Testbeschreibung 150
6.2.2 Kriterien 151
6.3 Myers-Briggs-Typenindikator 151
6.3.1 Testbeschreibung 151
6.3.2 Kriterien 152
6.4 Vergleich 152
7 Schlussbemerkung 153
Literaturverzeichnis 155
Bücher 155
Zeitschriften 160
Internet 160
Tabellenverzeichnis 161
Abbildungsverzeichnis 163
Abkürzungsverzeichnis 164
Anhang 167

1 Zur Motivation des Vergleichs der Charaktertypologien der Psychoanalyse und der Analytischen Psychologie (C. G. Jung) und ihrer vermuteten Übereinstimmung

Im Verlauf des Studiums der Psychologie kommt man nach meiner Meinung nicht umhin, die umfangreiche Theorie unterschiedlichster Schulen und Themen mit der Praxis, also der Arbeit mit und an dem Menschen, zu verbinden. Anhand dieses Übergangs zeigen sich dann für jeden Einzelnen sowohl Nützlichkeit als auch Hindernis hinsichtlich der praktischen Anwendbarkeit von Theorie auf das komplexe und idealerweise phänomenologisch zu betrachtende Wesen Mensch (vgl. SADER & WEBER, 2000, S. 64 f). Aus einer riesigen Menge an Wissen gilt es, je nach Anwendungsgebiet und persönlicher Präferenz, Theorien, Kenntnisse und Überzeugungen der Realität der Praxis anzupassen. Vieles muss verworfen, modifiziert oder assimiliert werden. Im Zuge dieses Anpassungsprozesses, basierend auf gewonnenen Erfahrungen aus Praxis und Alltag, wurde mir immer wieder klar, dass für mich die Typisierung des Menschen nach dessen Charakter- oder Persönlichkeitseigenschaften in der Psychologie ein sowohl theoretisch als auch praktisch unumgängliches und sehr hilfreiches Instrumentarium darstellt. Wenngleich die unterschiedlichen psychologischen Strömungen sehr voneinander differierende Modelle bzgl. der Genese und Ausprägung von Persönlichkeitsmerkmalen hervorgebracht haben, so ist ihnen letztlich der Versuch der Verallgemeinerung, Eingrenzung und Systematisierung menschlicher Vielfalt gemeinsam. Nicht selten wurden und werden diese Versuche aus ethischer Hinsicht kritisiert. Und mit Sicherheit ist die Typisierung des Menschen ein sehr sensibles Thema, denn sie reduziert den Menschen auf grundlegende Gemeinsamkeiten und läuft damit auch Gefahr, individuelle Einzigartigkeiten zu übergehen und damit nur unzureichend zu würdigen. Das kann sich meines Erachtens insofern zu einem ethischen Problem entwickeln, als dass der Mensch zwischen zwei grundlegenden Lebensausrichtungen zu balancieren scheint. Zum einen halte ich ihn für sozial und kollektiv orientiert, zum anderen hingegen nach Individualität, Einzigartigkeit und Selbstbehauptung strebend. Letztere Strebungen wären demnach wahrscheinlich durch eine zu einseitige und verallgemeinernde Typisierung menschlicher Phänomene gefährdet und würden zu großer Ablehnung eines solchen Unterfangens führen. WINDELBRAND (vgl. SADER & WEBER, 2000, S. 105) meint hierzu, dass es besonders wichtig sei, die Einzigartigkeit des Menschen zu betonen. Die Vorstellung von einem anderen Individuum mit den gleichen Eigenarten erscheine dem Menschen sogar unerträglich und grauenhaft.
In allen Bereichen der Wissenschaft wird sortiert, klassifiziert, systematisiert und kategorisiert. Ich meine, dass nur auf diese Weise die immense Komplexität des Menschen und dessen Ganzheit seiner selbst und seiner Umwelt immer vollständiger pragmatisch erfasst werden können, wenngleich sie dadurch eine unnatürliche Vereinfachung erfahren müssen. Eine differenzierende psychologische Typisierung bietet unter diesem Aspekt die Möglichkeit, unterschiedliche Perspektiven verschiedener Persönlichkeitsausprägungen zu erfahren und besser zu verstehen. Ich meine sogar, dass die Berücksichtigung und Zusammenfassung einer jeden einzelnen typologischen Perspektive bei der Betrachtung jedweder Phänomene so etwas wie die Erlangung eines Stückes Objektivität gegenüber einem zu betrachtenden Gegenstand ermöglichen kann. Dergestalt wäre die Welt so vielfältig, wie die unterschiedlichen Betrachtungsweisen des Menschen in Abhängigkeit dessen Typenzugehörigkeit und der daran anschließenden Eigenart zu denken, wahrzunehmen, zu handeln und zu fühlen. Jede einzelne Perspektive hätte demnach Anspruch auf einen Teil der zu erfassenden Objektivität. Berücksichtigt man diese Anschauung, könnte es meines Erachtens viel mehr Verständnis unter verfeindeten und konkurrierenden Vertretern unterschiedlicher Ansichten bzgl. eines Sachverhaltes geben. JUNG (2001 e, S. 52) machte bereits darauf aufmerksam, dass man die Welt in Abhängigkeit von der eigenen Typenzugehörigkeit wahrnehme. Dies ist sicherlich auch ein wesentlicher Grund dafür, dass es so unterschiedliche psychologische Betrachtungsweisen gibt wie Betrachtende. Das bildet für mich auch die Grundlage der wissenschaftlichen Erforschung separierter und überschaubarer, bisher ins Dunkel der Unkenntnis gehüllter Gegenstandsgebiete. Aus diesem Blickwinkel halte ich es für vertretbar, auch den Menschen, trotz aller ethisch gerechtfertigten Kritik, nicht aus diesem Prozess herauszunehmen. Wichtig ist jedoch, dass die separierten Teile nicht einzig und allein voneinander unabhängig betrachtet, sondern im Anschluss des Erkenntnisgewinns wieder zu einer unteilbaren Ganzheit zusammengefügt werden. Hierin sehe ich die große Verantwortung aller wissenschaftlichen Tätigkeit. Mir dessen bewusst, wurde und wird die Typisierung des Menschen für mich nach und nach ein Schlüssel zum Verständnis seines Fühlens, Denkens, Handelns und Wahrnehmens – also dessen, was wir gemeinhin als psychisch determiniert bezeichnen. Bedacht und sensibel angewandt, erweisen sich die psychologischen Systematisierungen des Menschen als eine Art ,Königsweg’ in der Prävention, Diagnostik, Intervention und Rehabilitation von prä-, akut- und postmorbiden Individuen. Sie sind ein wichtiges Hilfsmittel um einen Zugang zu den Menschen zu finden. Zudem bieten sie für jeden Einzelnen das Potential persönlicher Bewusstwerdung und Reifung. Denn Typologien separieren den Menschen nicht nur einfach, sondern sie geben in den meisten Fällen auch ein Verständnis für die Entstehung, Ausprägung, Veränderbarkeit und Kontrollierbarkeit von Persönlichkeitsmerkmalen. Damit beinhalten sie potentiell auch die Chance zu mehr Selbsterkenntnis und Selbststeuerung für den Menschen. Die große Bedeutung, welche der Typisierung des Menschen von jeher beigemessen wurde, lässt sich anhand ihrer bis heute fast unerschöpflichen Vielfalt erkennen. Uralte Kenntnisse über psychische Prozesse im Menschen finden in unzähligen Kulturen eine Verewigung und Verehrung in Form z.T. primitiver Mythen und Riten. Das mystifizierte Wissen hatte oftmals einen ausgesprochen göttlichen Wert und dergestalt haftete ihm auch eine nicht zu unterschätzende Macht an, welche auch heute noch deutliche Spuren in der Psychologie hinterlassen hat.
Hat man einmal die Notwendigkeit von Charakterdifferenzierungen und deren Entstehung für sich erkannt, so dauert es auch nicht lange, bis man sich unter den verschiedensten Modellen eines herausgesucht hat, mit dem man am besten arbeiten und persönlich am meisten anfangen kann. Soll heißen, dass man sich am stärksten jenem Modell zuwendet, welches den eigenen Anschauungen psychischen Geschehens am meisten entspricht. Ist die Entscheidung dann gefallen, einen Ansatz ausführlicher zu betrachten, entwickelt man seine Kenntnisse hinsichtlich dieses Modells schnell zur Profession und verliert nur allzu schnell den Seitenblick für andere Modelle, die durchaus in der Lage sein könnten, Einseitigkeiten der eigenen vertretenen Anschauungen zu ergänzen. Es ist sicher utopisch, einen vollkommen eklektischen Ansatz vertreten zu wollen, doch es ist realistisch, das Spektrum an Modellen desjenigen psychologischen Teilbereiches näher zu beleuchten, mit dem man sich größtenteils identifizieren kann. Eben aus diesem Anspruch heraus entwickelte sich für mich ein zunehmendes Interesse für die verschiedenen Ansätze der Tiefenpsychologie. Meine größte Aufmerksamkeit fand anfangs die Analytische Psychologie nach C. G. Jung. Im Laufe der Zeit vertiefte ich meine Kenntnisse hinsichtlich Jungs Psychologie und stieß unweigerlich auf seine Persönlichkeitstypologie, die zwar für das gesamtpsychologische Spektrum an Therapie und Forschung weniger relevant zu sein scheint, jedoch in der Jungschen Therapie einen sehr wichtigen Grundstein bildet. Nach und nach eröffnete sich mir auch das Feld der Psychoanalyse nach Sigmund Freud. Auch hier kam ich keineswegs um die Typisierung und ihren Ursprung im Durchlaufen des Menschen von psychosexuellen Entwicklungsphasen herum. So wurde auch dieser Bereich zum Gegenstand meines Interesses. An die Psychoanalyse Freuds schlossen sich später fast nahtlos die Theoriekonzepte seiner Schüler und Anhänger wie Reich, Abraham, Riemann oder Ferenczi an. Schließlich wuchs das Interesse an den moderneren Vertretern der Psychoanalyse wie Willi, Kernberg, König oder auch Klein. Da es mir scheint, als strebe der Mensch gleichsam einer ,Guten Gestalt’ naturgemäß nach Vereinfachung, Vereinheitlichung und widerspruchsloser Ordnung aller existierenden Phänomene, war auch ich aus einem inneren Drängen heraus genötigt, genau dieses für mich zu probieren. Bei dem Versuch – soweit möglich – bei dieser angestrebten Synopsis einigermaßen objektiv zu bleiben, stieß ich auf meines Erachtens unübersehbare Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Perspektiven der Typisierungen der oben erwähnten Vertreter. Es stellte sich mir unweigerlich die Frage, warum etliche Vertreter eine gänzlich voneinander unabhängige psychologische Kategorisierung postulieren sollten. Ich persönlich halte den Menschen trotz seiner zu würdigenden Einzigartigkeit in vielen Belangen bzgl. seiner charakterlichen Grundmerkmale keineswegs für in beliebig viele Charaktere zerlegbar.
Freud, der zwar selber sicher von Vorgängern aus Philosophie, Kunst und Medizin inspiriert wurde, machte mit seiner Libidotheorie den Anfang der wissenschaftlichen Erforschung psychischer Grundlagen des Menschen. Damit bereitete er seinen Schülern und Verfechtern den Weg zur ständigen Erweiterung und Vervollständigung dieses Wissenschaftsbereiches. Es besteht demnach also die Annahme, dass Freuds Schüler, zu denen auch C. G. Jung gehörte, den Faden Freuds weiterspannen oder ihm zumindest ihre eigene Note verliehen, wenn gleich auch nicht immer willentlich. Trotz des folgenreichen Zerwürfnisses zwischen Freud und Jung sind die Gemeinsamkeiten beider scheinbar voneinander getrennten Psychologien unübersehbar. Infolge dieser Trennung beider Schulen begann ein ,Glaubenskampf’ um die Bedeutung und Gültigkeit einzelner unterschiedlicher Theorien ein und desselben Sachverhaltes. Statt Gemeinsamkeiten zu berücksichtigen, betonten beide Begründer die fundamentalen Unterschiede ihrer Anschauungen. Wenngleich es deutliche Unterschiede in den Anschauungen gibt, so sehe ich es als einen großen Fehler an, den Menschen in seiner oben bereits betonten Vielfalt mit jeweils nur einer der Psychologien zu betrachten. In ihrer Verschiedenheit scheinen die Psychoanalyse Freuds und die Analytische Psychologie Jungs grundlegende Gemeinsamkeiten und auch enormes gegenseitiges Ergänzungspotential zu besitzen. Am ehesten scheinen sich diese Gemeinsamkeiten an den Modellen der Persönlichkeitsmerkmale erschließen zu lassen. Diese stellen sozusagen die Grundessenz der Schulen dar, versuchen sie schließlich zu erklären, warum der Mensch ist, wie er ist. Aus nachvollziehbaren Gründen wird Jung zwar sehr häufig aus psychoanalytischer Perspektive vorgeworfen, mit seiner Analytischen Psychologie einen vehementen Akt der Abnabelung von Freud unternommen zu haben, jedoch soll es neben dem Vergleich beider Typentheorien auch Anliegen dieser Arbeit sein, das ergänzende Potential des Jungschen Ansatzes darzustellen.
Insgesamt soll mit dieser Arbeit der Versuch unternommen werden, einen theoretisch fundierten Beweis der Übereinstimmung der Typisierungen der Psychoanalyse und der Analytischen Psychologie zu erbringen. Eine detaillierte und begründete Erörterung der grundlegenden Merkmale beider Ansätze soll es dem Leser dieser Arbeit ermöglichen, die Hypothese von einer gemeinsamen Basis der typologischen Kategorisierungen nachvollziehen zu können. Anschließend sollen die Ergebnisse ausgewertet und zusammengefasst werden. Hierbei bediene ich mich zusätzlich einer detaillierten tabellarischen Gegenüberstellung beider Systeme. Im Text selbst werde ich nur die Kurzfassungen der im Anhang befindlichen und ausführlicheren Tabellen darstellen. Gemäß meiner Ausgangshypothese erwarte ich als Ergebnis grundlegende Übereinstimmungen zwischen den jeweils vier Grundtypen aus Psychoanalyse und Analytischer Psychologie zu finden. Dementsprechend sollten sich Gemeinsamkeiten zwischen den Typen schizoid und empfinden, depressiv und fühlen, zwanghaft und denken sowie hysterisch und intuieren nachweisen lassen.

Sonntag, 19. Dezember 2010

Die Grundantriebe des Lebendigen aus analytisch-existenzieller Perspektive

Die menschlichen Triebstrebungen erzeugen bei der Befriedigung am Objekt eine starke Sinnesreizung und bewirken im Bewusstsein eine dominierende Präsenz und Prägnanz. Man könnte auch sagen, dass so etwas wie Bewusstsein oder ein Ich-Empfinden überhaupt erst durch das spürbare Einwirken äußerer Reize auf den Organismus entsteht, wobei die Reize eine vegetative Stimulation in ihm bewirken, die wahrgenommen werden kann. Alle diese primären körperlichen Strebungen wie die des Dranges nach Berührtwerden, Nahrungsaufnahme, Kotausscheiden, Atmen oder auch Fortpflanzen bewegen sich libidinös vom frisch geborenen Säugling hin zum Objekt, welches diese Bedürfnisse zur Existenzsicherung des Individuums befriedigen soll. Der Organismus ist dadurch zunächst nichts anderes als ein durch und durch libidinös drängendes und nach außen strebendes Bedürfnis, um seine eigene Existenz zu sichern. Damit sind diese Strebungen von Beginn an aggressiv (vgl. MENTZOS, 2005, S. 26) – im Sinne des Verständnisses von adgredi: an etwas oder jemanden herantretend (vgl. SCHULTZ-HENCKE, 1951, S. 33). Treffen diese Strebungen (organismischen Bedürfnisse) dann auf positive Resonanz beim Objekt und werden sie von diesem befriedigt, dann empfindet sich der Säugling durch lustvolle erotische vegetative Stimulation in ihm als angenommen. Dabei wird unter anderem das Bindungshormon Oxytocin im Organismus ausgeschüttet, das für ein Empfinden von Vertrautheit, Entspannung und Sicherheit sorgt (vgl. BRISCH, 2010, S. 36). Das Bewusstsein des Säuglings von sich als angenommenes Sein ist zu dieser Zeit tatsächlich noch nichts anderes als dieses rein lustvolle, vegetative und erotische Empfinden im Organismus. In dieser Befriedigung des liebevollen Angenommenwerdens vom Objekt ist der Säugling mit ihm identifiziert. Er ist sozusagen das befriedigende und versorgende Objekt selbst und bekommt in der Spiegelung dieser Befriedigung ein erstes objektives (somatisch-vegetatives) aus dem Hintergrund der Seinsleere heraustretendes Bild von sich selbst, eine erste Teilrepräsentanz von sich als ein Objekt, mit dem er sich als Subjekt identifiziert. Objekt und Subjekt sind also zunächst dasselbe, was auch erklärt, warum man sich selbst und andere immer wieder unbewusst wie ein Objekt behandelt, obwohl man das Gefühl hat subjektiv zu sein und auch so zu handeln. Man ist – metaphorisch gesprochen – sozusagen von Geburt an (und möglicherweise auch schon davor) ein vorerst somatisch-vegetativer und dann auch psychischer ,Abdruck’ seiner versorgenden Bezugsobjekte, die sich wie Stempel mit ihren Seinsspiegelungen in den Organismus einprägen. Die tieferen Konturen des Stempels lehnen Strebungen des Säuglings zunächst nur von außen durch die versagende Bezugsperson ab. Dann werden die Strebungen jedoch ohne das Zutun des Objekts auch bald vom Subjekt selbst an sich abgelehnt. Das äußere Stempelprofil wird also zu einem verinnerlichten Profil. Die weniger tiefen Eindrücke lassen die Strebungen gewähren und befriedigen sie von außen. Später werden sie aufgrund des verinnerlichten Gewährens auch vom Subjekt selbst befriedigt. Diese grundlegende Prägung füllt die Seinsleere im heranwachsenden Organismus. Das Angenommenwerden vermittelt dem Kind also auf somatisch-vegetativer Ebene ein erstes grundlegendes Gefühl gut und liebenswert zu sein. Dagegen erzeugen einige andere Bedürfnisstrebungen in vegetativer Hinsicht eine aggressive und bisweilen schmerzhafte, unlustvolle Ablehnung vom Objekt, da sich dieses womöglich von den aggressiven Strebungen des Säuglings überfordert oder gar verletzt fühlt. Das Zielobjekt weist diese Strebungen aggressiv zurück, verweigert deren Befriedigung und lehnt sie teilweise oder gänzlich ab. Der Säugling empfindet hierauf in seinen vom Objekt abgelehnten Strebungen sowohl sich selber als auch das ablehnende Objekt als aggressiv und existenziell bedrohlich und verinnerlicht hierbei das Empfinden, grundlegend böse und gefährlich zu sein. Auch dieses Empfinden grundlegender Ablehnung und Zurückweisung besteht zunächst nur aus schmerzvollen vegetativen Stimulationen, die von den aggressiven und zurückweisenden Reizen der Umweltobjekte ausgehen und auf den Organismus des Säuglings und des Kleinkindes einwirken. Inwieweit jedoch die verinnerlichten aggressiven Zurückweisungen und entsprechenden unerwünschten Selbstanteile dann aber existenziell bedrohlich für das erotische Empfinden des grundlegenden Gut-seins sind, hängt von der primären positiven Zuwendung der Bezugswelt des Menschen ab. Je positiver und tiefgreifender die primäre Zuwendung ist, desto weniger stark erfolgt die Spaltung des grundlegenden Ichs. In diesen gegensätzlichen positiven und negativen Reaktionen des Zielobjektes und in dem hierauf folgenden somatisch-vegetativen Empfinden grundlegend gut und böse zu sein bildet der Säugling seine primären gespaltenen Selbst- und Objektrepräsentanzen (primäre Seinsentwürfe) aus. Es bildet sozusagen aus der Resonanz seiner Umwelt auf sich selbst ein bewertetes Bild von sich aus; eine Art Reflexion von seinem Ich. Mit erotischer Befriedigung und aggressiver Versagung werden auch die in der Situation befindlichen Umweltreize wahrgenommen und an das positive oder negative Erlebnis – an die jeweilige Triebstrebung – unbewusst prägend gekoppelt. So können bestimmte Gerüche, Geräusche, Geschmäcker, Farben und ähnliches diese frühen und zunächst noch rein somatisch-vegetativen Entwurfanteile mit ihren starken positiven oder negativen emotional-vegetativen Komponenten regressiv mobilisieren (triggern). Beide Qualitäten, sowohl das lustvolle erotische (libidinöse) als auch das unlustvolle aggressive (antilibidinöse) Streben, führen zu einem ausgeprägten Spüren der eigenen Grenzen und des eigenen Seins über somatisch-vegetative Reizungen, die prälogisch im Bewusstsein erfasst werden. Schlussfolgernd erweisen sich damit frühkindliche Triebstrebungen mit ihrer Fähigkeit, den ganzen Organismus sinnlich sowohl lustvoll erotisch als auch unlustvoll aggressiv zu reizen und dadurch das Bewusstsein zu bündeln, als optimal zur Ablenkung von dem Empfinden innerer existenzieller Leere. Der noch psychisch ,leere’ und nur mittels seiner objektgerichteten Triebstrebungen mit der Umwelt Kontakt aufnehmende Säugling braucht zunächst auf somatischer Ebene feste Bezugspunkte in der Umwelt als primäre Triebziele, um sich in der Interaktion seiner Strebungen mit den Bezugsobjekten selbst als physisch und später auch psychisch reflektierend seiend zu spüren, also als ein existierendes Objekt. In den Triebstrebungen zum Objekt nimmt das Individuum sozusagen einen interindividuellen Kontakt zwischen sich (als Subjekt) und der Welt (als Objekt) auf, was wiederum ein primäres In-Situation-sein bedeutet (vgl. SARTRE, 2006, S. 833 ff, 905). In dem Triebvollzug, in dem alle Sinne stark gereizt werden und sich das Individuum physisch wahrnimmt, wird der Säugling zunächst physisch vom Bezugsobjekt als existierend gespiegelt. Wenn im weiteren Verlauf der Ontogenese einige Triebstrebungen des Subjekts durch Zurückweisung derselben aus der Umwelt zunehmend vom Subjekt selbst unterdrückt werden müssen, um von seiner Umwelt dennoch als liebenswert empfunden zu werden, kommt es allmählich zu einer Ausdifferenzierung der Triebstrebungen in solche, die lustvoll erotisch vom Objekt verstärkt und angenommen werden (als positives Selbstbild bewertet) und andere, die vom Objekt aggressiv zurückgewiesen, abgelehnt und dadurch unterdrückt werden (als negatives Selbstbild). Je nachdem, welche Triebstrebungen durch das Zielobjekt verstärkt (erotisch angenommen) oder gehemmt (aggressiv abgelehnt) werden, kommt es zunächst auf somatisch-vegetativer Seinsebene einerseits zu einer erotischen Besetzung einiger Triebstrebungen und andererseits zu einer aggressiven Besetzung wiederum anderer Triebstrebungen. Diejenigen Strebungen, welche vom Objekt abgelehnt werden, erzeugen beim Subjekt sowohl gegenüber dem Objekt als auch sich selbst aggressive somatisch-vegetative und emotionale Erregungen. Dagegen verursachen die vom Subjekt ausgehenden und vom Objekt angenommenen Bedürfnisstrebungen gegenüber dem Objekt und dem Subjekt selbst erotische somatisch-vegetative und emotionale Erregungen. Beide diametralen Erregungen erzeugen im Kontakt mit der Umwelt ein starkes sinnliches Seinsgefühl. Jedoch werden die ursprünglich neutralen organismischen Strebungen von nun an in positiv (mit Zuwendung belohnt) und negativ (mit Versagung bestraft) bewertete Selbstbilder (Reflexionen) gespalten. In der Konsequenz des liebevollen Annehmens erotischer Strebungen durch die Umwelt werden diese Strebungen unbekümmert und viel Sein versprechend auf das Bezugsobjekt gerichtet. Dagegen müssen die abgelehnten aggressiven Strebungen wegen ihrer vermeintlichen Gefährlichkeit für das Bezugsobjekt von diesem teilweise oder ganz weg und autoaggressiv auf den Säugling zurück gelenkt beziehungsweise vollständig unterdrückt werden, was zu einer emotionalen und somatisch-vegetativen Einengung im Organismus führt und später zu einem tiefen existenziellen Zweifel am grundlegenden Gut-sein. Diese Rückwendung abgelehnter aggressiver Triebstrebungen durch den reflektierenden und über das positive Selbstbild wachenden eigenen Organismus bildet die primäre verwehrende und abwehrende Objektrepräsentanz im Organismus. Das reflektierende Bewusstsein (entwerfende Instanz) überwacht sozusagen das gute oder böse Ich (Entwurf). Dabei werden die abgelehnten Strebungen genau in der Quantität und Qualität vom Subjekt selbst gegen das Subjekt zurückgelenkt, wie diese zuvor vom versorgenden Objekt zurückgewiesen wurden. Der Organismus wendet diese versagten Strebungen nun zunächst wieder rein somatisch-vegetativ selbständig gegen sich selbst und bildet somit eine verinnerlichte versagende und aggressive Objektrepräsentanz der Bezugsperson in sich aus, welche den Organismus in einer bestimmten Weise eingrenzt. Aus diesem verinnerlichten Eingrenzen entsteht dann auch ein grundlegendes abgelehntes Empfinden von sich selbst, eine negative Subjektteilrepräsentanz. Die erotischen Strebungen dagegen, die vom Objekt angenommen werden, führen zu einer Verinnerlichung des versorgenden, gewährenden und annehmenden Objekts der Bezugsperson im Organismus und damit auch zur Ausbildung einer primären gewährenden Objektteilrepräsentanz. Diese verinnerlichte gewährende Objektrepräsentanz wiederum lässt nun innerseelisch die Triebstrebungen gewähren und verleiht dem Organismus dadurch ein grundlegendes angenommenes und erotisches Empfinden von sich selbst, die positive Subjektteilrepräsentanz. Die Verinnerlichung der Versagung oder Gewährung von organismischen Strebungen führt also letztlich zur grundlegenden Ausbildung von sowohl Objekt- als auch Subjektrepräsentanzen, wobei die verinnerlichten Objekte die Subjektrepräsentanzen stellvertretend für die realen Bezugspersonen kontrollieren, überwachen und behandeln. Die verinnerlichte und als aggressiv erlebte versagende Bezugsperson unterdrückt sozusagen intrapsychisch aggressiv die von ihr einst aggressiv zurückgewiesenen Strebungen. Entsprechend fördert die als gewährend erlebte verinnerlichte Bezugsperson die von ihr einst gewährten Strebungen auch intrapsychisch. Damit sind sowohl vermeintlich böses versagendes Objekt (Objektrepräsentanz) und unterdrückendes Introjekt (Subjektrepräsentanz) als auch gewährendes Objekt und förderndes Introjekt jeweils aneinander gekoppelt. Wie REICH (2006, S. 405 ff, 418 ff) feststellte, werden die verwehrten Triebstrebungen durch ihre eigene vegetative Triebenergie teilweise gegen das Subjekt selbst zurückgelenkt. In dieser ersten Zurücklenkung von Strebungen gegen sich selbst und deren Gewährung verinnerlicht der Säugling ein erstes ambivalentes somatisch-vegetatives Bild von sich und entwickelt so ein grundlegendes, spürbares, vegetatives Bewusstsein von sich selbst. Wird jedoch der Kontakt zur Umwelt durch eine mangelnde Verfügbarkeit des Bezugsobjekts unterbrochen, dann kommt es zum Auftreten einer existenziellen Seinsleere (Sinnleere) und damit zu einem Empfinden einer physischen und psychischen Auflösung (Nichtung). Dann muss sich der Organismus mittels seiner Bedürfnisstrebungen autoerotisch oder autoaggressiv selbst stimulieren, indem er seine Strebungen auf sich selbst zurücklenkt, als wäre er das Bezugsobjekt (Teilobjektrepräsentanz), aus welchem heraus er sich als Subjekt (Teilsubjektrepräsentanz) behandelt. Die zuvor nur seitens des Objektes erfahrene erotische und aggressive intersubjektive Kontaktaufnahme wird hierdurch zu einer erotischen und aggressiven intrapsychischen Kontaktaufnahme der verinnerlichten Teilobjektrepräsentanzen mit den Teilsubjektrepräsentanzen. Damit wird der eigene Organismus wie ein Objekt liebevoll autoerotisch oder entwertend autoaggressiv behandelt. Empfand sich das Individuum zuvor überwiegend als positiv und erotisch vom Objekt gespiegelt, dann behandelt es sich jetzt selbst ohne Objekt ebenfalls als gut und erotisch. Wurde es dagegen eher negativ als aggressiv und gefährlich gespiegelt, behandelt es sich nun bei Kontaktabbruch ohne das reale Objekt ebenfalls als aggressiv und böse. In seiner Interaktion mit der Objektwelt erhält das Subjekt ein aus dem Blickwinkel des Objektes erfahrenes Bild von sich selbst, verinnerlicht dieses als Teilsubjektrepräsentanz und behandelt sich auch entsprechend diesem Bild. In der Verinnerlichung sowohl des behandelnden Bezugsobjektes (Objektrepräsentanz) als auch des in der Behandlung von ihm empfundenen Bildes von sich selbst (Subjektrepräsentanz) verankert das Individuum grundlegende Betrachtungsweisen sowohl von seiner Umwelt als auch von sich selbst. Man könnte diese primären Teilobjekt- und Teilsubjektrepräsentanzen auch als primäre Seinsentwürfe bezeichnen. Der Organismus behandelt dann nicht nur sich selbst in der Weise, wie er zuvor vom realen Objekt behandelt wurde, sondern er behandelt nunmehr seine gesamte belebte und unbelebte Umwelt nach diesem Bild des einst realen und nun verinnerlichten Objektes, welches stellvertretend für alle äußeren Objekte steht, da es der erste und prägende Bezug zur Außenwelt überhaupt war. Bricht der Kontakt zur Umwelt also ab, behandelt sich der Mensch selbst und seine unbelebte Umwelt in der Weise, wie er zuvor anhaltend von den Bezugsobjekten bezüglich seiner Triebstrebungen behandelt und gespiegelt wurde. Das Subjekt geht mit sich selbst demnach autoerotisch und/oder autoaggressiv in Kontakt. Sowohl im Falle eines realen Beziehungsabbruchs zwischen dem Subjekt und seinem versorgenden Objekt als auch im Falle eines innerseelischen Kontaktabbruchs zur Außenwelt durch zu viele gehemmte, unterdrückte und zurückgelenkte aggressive Triebstrebungen kommt es zur empfundenen Auflösung und Fragmentierung eines beständigen Seins. Die Kontaktaufnahme mit sich selbst und der Umwelt soll also das Empfinden des absoluten (voll, ganz, gut) und angenommenen Seins ermöglichen. Bei Beziehungsabbruch erlernt also das Individuum sich selbst mittels bestimmter Bedürfnisse autoaggressiv oder autoerotisch in einer bestimmten Kombination dieser beiden Strebungen zu stimulieren und sein zu machen. Später werden diese libidinösen und antilibidinösen Strebungen zunehmend mit logisch-kognitiven Inhalten angereichert, überbaut und zu einem komplexen Selbstbild geformt. Diese Bestrebungen und ihre kognitiven Überbauten bilden grundlegende und immer mehr ausdifferenzierte existenzielle Seinsentwürfe aus einer zuvor rein somatisch-vegetativen Existenzebene. Werden die Seinsentwürfe später in der weiteren kortikalen Reifung des Individuums durch das reflexive Cogito (verinnerlichte bewertende Teilrepräsentanzen) reflektiert, offenbaren sich diese Teilidentitäten als bloße Entwürfe. Das Ich – das Bewusstsein des Empfindens somatisch-vegetativer erotischer oder aggressiver Spannung und später auch des Denkens von Selbstkonzepten – verliert sozusagen den Kontakt (In-Situation-sein) zu seiner Identität, seinem Entwurf und seiner Umwelt, wodurch es sich selbst zu nichten und aufzulösen droht. Dabei empfindet das Ich keine feste und definierte Existenz und gerät in eine existenzielle Leere ohne Seinsentwurf – eine fundamentale Entzweiung zwischen reflektierendem, bewertendem Bewusstsein (entwerfende Instanz) und dem bewerteten Ich (Entwurf) – woraufhin es somatisch-vegetativ mit einem kompensatorischen Ausgleich des Empfindens von Seinsverlust und Auflösung der Existenz reagiert. Das Individuum kann also in der Selbstreflexion regelrecht den Kontakt zu seinen Seinsentwürfen durch die Offenbarung derselben als solche verlieren und damit auch das Gefühl für seine Existenz. Der Organismus versucht sich dann auf prälogische somatisch-vegetative Art zu spüren und wechselt in den autoerotischen oder auch autoaggressiven Modus, um hierdurch Spannung in der Seinsleere zu erzeugen und so den Organismus sinnlich und spürbar lustvoll oder schmerzhaft zu reizen. Um genau diese somatisch-vegetative Spannung im Bewusstsein geht es letztlich im Sein. Sie wird durch die existenzielle Angst in der Seinsauflösung und Seinsleere der Selbstreflexion oder des Beziehungsabbruchs zum Objekt erzeugt, indem sie sofort bei ihrem Auftreten in somatisch-vegetative Spannung (primäres Sich-in-Situation-begeben) umgewandelt wird. Diese Spannung und ihre darauf folgende Lösung im autoerotischen oder autoaggressiven Kontakt mit dem eigenen Organismus erzeugen ein ähnliches Seinsgefühl wie der reale erotische oder aggressive Kontakt mit der Umwelt. Wird später beispielsweise der lustvolle und erotisch angenommene somatisch-vegetative Seinsentwurf angezweifelt oder genichtet, tritt, von existenzieller Angst getrieben, sofort der unlustvolle und aggressiv abgelehnte somatisch-vegetative Seinsentwurf an seine Stelle. Der Organismus kann sich also besonders leicht und intensiv durch das Ausleben eigentlich objektgerichteter Strebungen an sich selbst stimulieren und dadurch spürbar Sein machen. Er geht mit sich selbst in Kontakt statt mit der Umwelt. Auch später macht sich der Mensch diese physische Form der Ablenkung vom Nichtseinskomplex weiterhin zunutze, wenn er durch sein zunehmendes kognitives Vermögen, sich mittels seines reflexiven Cogitos selbst in seinem Sein zu hinterfragen, existenzielle Angst vor Leere verspürt. Aus den ursprünglich rein triebhaften somatischen Hemmungen (du bist böse; ich bin böse) und Verstärkungen (ich bin gut; du bist gut) werden durch die fortschreitende kortikale Reifung allmählich regelrechte aggressiv-hemmende (schmerzhaft) und erotisch-verstärkende (lustvoll) kognitive Leitsätze (Ge-und Verbote). Der Mensch erlernt also mit seinen biologischen objektgerichteten Triebstrebungen der frühen Ontogenese und ihrer positiven sowie negativen Spiegelung durch die Umwelt ein bestimmtes individuelles Seinsgefühls, sein grundlegendes Bild von sich selbst und seiner Umwelt, nach dem er dann sich und seine Umwelt behandelt, um sich als Sein zu spüren. Damit geht die ganz individuelle Art und Weise einher, angstbedingte Spannung der psychischen Leere auch ohne reale Objekte auf somatischer Ebene abzubauen und sich so zu beruhigen. Mit der Verinnerlichung des Konfliktes zwischen angenommenen erotischen und unterdrückten aggressiven Triebimpulsen verinnerlicht der Säugling zunächst auf rein somatisch-vegetativer Ebene das Bezugsobjekt, welches diesen Grundkonflikt ebenfalls in sich trägt und dadurch auch auf den Säugling überträgt. Der Mensch greift dann auch später bei empfundenen existenziellen Ängsten wie Furcht vor Verlassenheit, Vereinzelung, Sinnlosigkeit und letztlich dem Nicht-sein immer wieder auf diejenigen Strebungen zurück, die ihm im Säuglings- und Kindesalter die größte Seinsbestätigung und folglich Ablenkung von existenzieller Angst ermöglicht haben. Auf einer späteren logischen und differenzierteren psychischen Entwicklungsstufe sind die angenommenen und abgelehnten Entwurfanteile dann bereits klarer und vielfältiger voneinander gespalten und abgegrenzt, was ein Projizieren der Existenzangst in Form verschiedener Phobien in die Umwelt ermöglicht. Alle späteren Formen von Angst werden sich immer auf diese primäre Angst des Nicht-seins zurückführen lassen! Man kann also festhalten, dass der Säugling den Kontakt zum versorgenden Objekt existenziell braucht, um sich zu spüren. Vor und unmittelbar nach der Geburt empfindet das Individuum wahrscheinlich zunächst noch keinen Unterschied zwischen sich selbst als Subjekt und der Bezugsperson beziehungsweise deren gesamte Welt als Objekt. Es ist fest und sicher in die somatischen Grenzen der Mutter (Uterus, Brust, Arme) verwoben und eingebunden, was gemeinhin den Zustand des primären Narzissmus bezeichnet. Wacht das Kind jedoch in seinem noch sehr physisch geprägten Bewusstsein auf und sieht sich ohne körperliche Beziehung (Soma und Psyche sind noch nicht voneinander differenziert) mit der versorgenden Bezugsperson in eine physische und psychische Leere der Welt geworfen, wird es sogleich von tiefer diffuser Existenzangst des Nichtseins gepackt und überflutet. Sofort regen sich in ihm in seiner diffusen Existenzangst die sinnlich reizenden Triebstrebungen, die sich in physischer und psychischer Spannung offenbaren. Das Seinsgefühl wird dann vermittelt, wenn die lustvolle erotische oder schmerzhafte aggressive Spannung entweder zum äußeren realen Objekt oder aber auch zum inneren Objekt (Introjekt) gerichtet wird, um sich an dessen Grenze im Kontakt mit diesem zu entladen und so Befriedigung zu erlangen. Befriedigung bedeutet, dass man sich als ein gutes und angenommenes Sein im primär-narzisstischen Zustand (wahrscheinlich wie ungeboren) empfindet, bis es durch ein Gegenüber (interpsychischer realer Kritiker) oder das reflexive Cogito (verinnerlichter innerpsychischer Kritiker) erneut infrage gestellt wird und wieder eine diffuse Leere sowie Existenzangst auftreten, die abermals in Spannung und Entladung münden. Im Beziehungsabbruch versucht sich das Individuum also selbst das Gefühl zu geben, voll von Sein zu sein (vgl. SARTRE, S. 1048 ff). Dabei behandelt es sich unbewusst teilweise selbst wie ein geliebtes oder gehasstes Objekt, das zuvor seine Bezugsperson war, und umschließt oder attackiert sich physisch, um seine ohne das Objekt empfundene Seinsleere zu beseitigen. Die Bezugsperson wurde, bezogen auf die Triebstrebungen des Kindes, sowohl als ein erotisches, lustvolles und liebendes als auch als ein aggressiv, schmerzendes und gehasstes Objekt in das Subjekt des Säuglings verinnerlicht und dort als ein erstes grundlegend in Gut und Böse gespaltenes Introjekt psychisch verankert. Mit der Verinnerlichung der sich widersprechenden Bezugsperson in versorgend (physisch/ psychisch voll sein und geliebt werden) und versagend (physisch/psychisch leer sein und gehasst werden) wurden zwei grundlegende Teilentwürfe physisch und psychisch im Subjekt verinnerlicht. Gut (libidinös) und Böse (antilibidinös) werden so von einem intersubjektiven zu einem intrasubjektiven und in der späteren Beziehungsgestaltung erneut zu einem intersubjektiven Konflikt. In der Versagung durch die Umwelt ist das zunächst omnipotente primär-narzisstische Seinsgefühl, in welchem sich das Kind absolut entspannt spürt, bedroht. Es kommt zur beschriebenen Rückwendung objektgerichteter Bedürfnisstrebungen gegen sich selbst und zu einer autonomen sowie von der Außenwelt scheinbar unabhängigen Ersatzbefriedigung am eigenen Körper. Das Urvertrauen des Säuglings in die Welt, in den primären Narzissmus und damit in das bedingungslose Seindürfen, erfährt so eine erste tiefe Erschütterung. Um es noch einmal zu betonen: Die erotischen und aggressiven Triebstrebungen suchen sich regressiv ein Ersatzobjekt oder eine Befriedigung am Subjekt selbst stellvertretend für das reale Objekt, welches die Strebungen zurückweist oder ganz aus der Beziehung tritt (vgl. FAIRBAIRN, 2007, S. 89 ff). In diesem Fall kommt es zur Selbststimulation am Introjekt statt zur Stimulation am ursprünglichen Zielobjekt. Die Selbststimulation ist letztlich nichts anderes als ein zunächst auf somatischer Ebene unbewusst Seinsempfinden verschaffendes Sich-in-Situation-begeben. In diesem Kontakt mit sich selbst behandelt man sich teilweise wie ein Objekt, auf welches die Triebstrebung abzielt. Die Folge ist, dass die diffuse Angst vor Leere und Auflösung von der psychisch noch undifferenzierten somatisch-vegetativen Bewusstseinsebene aus in einer somatisch-vegetativen (muskulären) erotischen oder aggressiven Spannung gehalten und dort verfestigt wird, um ihr lähmendes psychisches Empfinden zu verhindern (vgl. REICH, 2006, S. 449 ff). Diejenigen Triebstrebungen und ihre späteren dazugehörigen psychischen Entsprechungen, welche am stärksten in der Beziehung zur Bezugsperson befriedigt und versagt bleiben, bestimmen die beobachtbare Selbststimulation sowie die ambivalente Beziehungsgestaltung mit den Objekten in weiten Teilen der späteren Lebensbereiche (vgl. MENTZOS, 2005, S. 42 ff). Die hierdurch entweder progressiv auf das Objekt hin oder regressiv auf das Subjekt zurückgelenkten organismischen Strebungen sind also deutlich im alltäglichen Umgang mit sich und anderen sichtbar. Man verinnerlicht sozusagen in der Anpassung an das verstärkende und versagende Objekt dessen erotische Ge- und aggressive Verbote als stark ambivalente Selbst-Objekt-Dyaden (vgl. KERNBERG, 1998, S. 98 f.). Der Säugling bildet in sich demnach unbewusst einen ersten sich selbst widersprechenden Seinsentwurf, der einerseits zu Teilen von der Bezugsperson erwünscht und andererseits zu Teilen von dieser unerwünscht und dadurch letztlich grundlegend in Gut und Böse gespalten ist. Die Art und Weise der Betonung (Bewertung) früherer Triebstrebungen und ihrer psychischen Überbauten durch primäre Bezugsobjekte bestimmt damit den späteren Umgang sowohl mit äußeren als auch mit introjizierten Objekten (Introjekten). Die introjizierte sanktionierende und belohnende Bezugsperson wird zum Bestandteil der eigenen Psyche und stellt auch innerhalb derselben die abwehrende (erotisch verstärkende oder aggressiv unterdrückende) Instanz dar, zu der man aber inzwischen selber geworden ist. Der geschilderte Vorgang der Introjektion darf jedoch nicht als ausnahmslos pathologisch aufgefasst werden. Vielmehr bildet er die Grundlage der Identität aller Individuen und ist die logische Konsequenz eines normalen Sozialisationsprozesses. Das individuelle Ausmaß der inneren Spaltung der Introjekte hängt jedoch letztendlich von der Qualität und Quantität der Sozialisation ab. Die durch die Psychoanalyse geprägten phasentypischen Impulse (vgl. ABRAHAM, 1999; REICH, 2006, S. 220 ff) und ihre teilweise sozialisationsbedingte Rückwendung gegen das Subjekt selbst bilden sozusagen in sich ambivalente Grundentwürfe, die den grundlegenden Kampf des Individuums gegen seine innere Seinsleere und gegen sein Nicht-sein verdeutlichen. Diese im Verhalten sichtbare individuelle Kombination aus akzeptierten und verbotenen Impulsen sowie der unentwegte Versuch, trotz innerer Spaltung und abgelehnter Impulse ein Empfinden des unbedingten Gutseins zu erhalten, bilden seit frühester Kindheit die ambivalente (angenommene Strebungen werden erotisch verstärkt/ abgelehnte Strebungen werden aggressiv unterdrückt) und bipolare Abwehr des Nichtseinskomplexes und damit die grundlegende Persönlichkeits- oder Charakterstruktur. Man ist also im Grunde die einzigartige Kombination der Summe aller verinnerlichten Objektbeziehungen seines Lebens. Die Struktur wird somit als Folge der Verinnerlichung frühester ambivalenter Objektbeziehungen angesehen (vgl. FAIRBAIRN, 2007, S. 205 ff). Die Struktur bewährte sich lange Zeit mit ihrer scheinbaren Unabhängigkeit von der Seinsspiegelung durch reale Objekte mittels spezifischer individueller Selbststimulation als optimal zur Abwehr gegen den Nichtseinskomplex. Hierauf greift das Individuum jederzeit wieder vom psychischen auf den somatischen Inhalt regressiv zurück, sollte das Seinsgefühl neuerlich versagt bleiben. Alle Triebe entspringen einem gemeinsamen grundlegenden (primär-narzisstischen) Identitätsstamm, in dem alle Triebstrebungen noch unbeschränkt existieren dürfen. Von ihm aus wird der noch einheitliche Grundentwurf zur Erlangung positiver Spiegelung durch Verwehrung derselben in sich widersprechende Partialentwürfe (schizoide Disposition) gespalten, ähnlich einem Baum, der sich in seinem Wachstum seiner Umwelt anpasst und im Zweifelsfall lieber geteilt um das Hindernis herumwächst, statt einheitlich vernichtet zu werden, auch wenn seine Äste dabei getrennte Wege einschlagen müssen. Mit dieser primären Spaltung in einen guten und einen bösen Partialentwurf geht auch sofort die Verinnerlichung der bewertenden, reflektierenden und überwachenden Instanz einher, die den Kontakt trotz Vorhandenseins eines Gegenübers durch ein endloses Kreisen über das Subjekt selbst erschweren kann, statt den Kontakt als erotisches oder auch aggressives Ich unbewertet und ungebremst zuzulassen. Anders als FAIRBAIRN (2007, S. 166 ff) gehe ich jedoch nicht von der Annahme aus, dass den ambivalenten Introjekten ein sogenanntes ungespaltenes zentrales Ich gegenübersteht. Vielmehr behaupte ich, dass unmittelbar nach der Geburt noch gar keine psychische Instanz eines Ichs als Trennung des Subjekts zur Objektwelt vorhanden ist. Vielmehr muss ein auf den primären Narzissmus folgendes und eher vegetativ-emotionales Ich (Bewusstsein) erst durch den wiederkehrenden Kontakt mit der Umwelt und ein damit einhergehendes Stoßen an die Grenzen des Omnipotenzempfindens zwangsläufig in ein erregendes und ein versagendes bipolares Ich gespalten werden. Jedoch können meines Erachtens sowohl die Quantität als auch die Qualität der Besetzung der gespaltenen Ich-Anteile individuell, je nach Umwelterfahrungen, sehr verschieden sein. Bei einer grundlegenden Erfahrung des organismischen Angenommenseins beispielsweise wird die Spaltung des frühen Ichs deutlich geringer tiefgreifend und auch nur in geringen Anteilen stattfinden. Bei negativen Grunderfahrungen geschieht natürlich das Gegenteil einer tiefgreifenden bis hinzu vollständigen Ich-Spaltung, die sämtliche Bereiche des Ichs betreffen kann. Man besetzt in seinem Bewusstsein (Ich) dann abwechselnd, je nach äußerer Spiegelung (positiv bedeutet Beziehungs- und Existenzerhaltung; negativ bedeutet Beziehungs- und Existenzabbruch), immer entweder nur das erregende oder das versagende Introjekt und ist mit diesem identifiziert. Wird man negativ von den Menschen seiner Umwelt gespiegelt, besetzt das Ich auch das Introjekt negativ und behandelt den Organismus autoaggressiv. Wird man dagegen positiv gespiegelt, besetzt das Ich den grundlegenden positiven Entwurf (Introjekt) und behandelt den Organismus autoerotisch. Fehlt ein Kontakt gänzlich, dann hängt die innere Besetzung des Introjekts von dessen Dominanz ab. Ein gewisses Maß an therapeutischer Selbsterfahrung kann diesen sich widersprechenden Ich-Anteilen, besonders den unterdrückten guten Anteilen, vielleicht ein stützendes alternatives Hilfs-Ich zur Verfügung stellen. Dieses vermag jedoch meines Erachtens höchstens die enorme Einseitigkeit und Ausprägung beider Ichs abzuschwächen, nicht jedoch vollständig auszulöschen. Eine gänzlich unabhängige, neutrale und überschauende Ich-Instanz bildet dieses Hilfs-Ich demnach keineswegs. Die menschliche Existenz ist also ab der Geburt grundlegend durch diese innere Spaltung und Ambivalenz der Bewertungen gekennzeichnet, wenngleich das Ausmaß der Spaltung und damit die psychische Gesundheit individuell sehr verschieden sein kann, wie es uns die großen Philosophen in ihrer oft tiefgreifenden inneren Spaltung zeigten. Um noch einmal zur Verdeutlichung das Beispiel mit dem Baum und seinen Ästen heranzuziehen: An der Stelle der Aufgabelung der ersten Äste vom Stamm befinden sich die grundlegende gespaltene Anpassung an das Objekt und seine Welt sowie die damit einhergehende Abwehr gegen das Gewahrwerden von Leere, Vereinzelung und Sein zum Tode (vgl. HÜGLI/HAN, 2001, S. 138). Dies ist auch die Grundlegung der schizoiden Struktur, in welcher sich das Subjekt aufgrund zu vieler unterdrückter autoaggressiver Strebungen gegenüber seiner Umwelt als grundlegend anders, von ihr getrennt und abgelehnt empfindet (vgl. FAIRBAIRN, 2007, 89 ff). Mit den regressiven subjekt- oder ersatzobjektgerichteten Triebstrebungen sind meist typische beobachtbare Objektbeziehungsmuster verbunden, die unten kurz idealtypisch umrissen werden sollen. Die nach SCHULTZ-HENCKE (1951, S. 16 ff) bezeichneten und von KLUßMANN (1998, S. 9 ff) erweiterten Phasen stellen jeweils eine ganz spezifische Form solcher Objektbeziehungsmuster als Abwehr des Empfindens der Seinsversagung beziehungsweise des Nichtseinskomplexes dar. Das Ziel dieser im Charakter eines jeden Menschen beobachtbaren Abwehrmechanismen ist die Aufrechterhaltung des Empfindens eines grundlegenden Gut-, Liebenswert- und Angenommenseins. Man will um jeden Preis von seiner sozialen Umwelt zunächst somatisch und später auch emotional versorgt werden. Da die frühesten Beziehungen zur Umwelt noch an grundlegende Bedürfnisbefriedigungen beziehungsweise Triebbefriedigungen durch die Außenwelt zur Überlebenssicherung gekoppelt waren, haben die primären und noch weder verbal noch kognitiv erfassbaren Erfahrungen (unzureichende kortikale Reifung, zu wenig Umwelterfahrungen und folglich fehlender psychischer Niederschlag derselben) einen existenziell stark drängenden Charakter auf subkortikaler unbewusster Ebene. SARTRE nannte den noch primär auf Triebstrebungen basierenden und sich später symbolisch ausdrückenden Entwurf den ,Seinsentwurf’ (2006, S. 970). Auf den primären Narzissmus (noch keine Spaltung des organismischen Ichs in erotisch und aggressiv) folgt dann zeitlich die schizoide Phase, in welcher das Subjekt auf Grenzen und Zurückweisungen bezüglich der Versorgung von Triebbedürfnissen in der Umwelt trifft. Das Kleinkind erfährt sich sozusagen als begrenzt und auf sich selbst zurückgeworfen. Um dieses Empfinden zu lindern, reflektiert und bewertet es sich, um dem erwünschten Idealbild zu entsprechen, indem es versucht, sich kompensatorisch seine Triebbedürfnisse selbst zu befriedigen und sich dadurch selbst sein zu machen. Dabei zieht es sich vom Objekt in sich selbst zurück und wird wiederkehrend von dem Empfinden heimgesucht, grundlegend anders als die Umwelt zu sein und nicht dazuzugehören. Im weiteren Entwicklungsverlauf folgen dann immer mehr von den Triebbedürfnissen entkoppelte Seinsbedürfnisse wie die der emotionalen Versorgung durch die Gemeinschaft, der Selbstbehauptung und Abgrenzung von anderen oder auch der sexuellen Attraktivität, der Selbstwirksamkeit und des Erhaltens von Anerkennung und Bewunderung. Später verinnerlicht der Mensch auf kognitiver Ebene auch Seinsspiegelungen verbaler und kognitiver Art (was man über ihn sagt oder denkt). Sind die primären Kontaktaufnahmen des Individuums mit seiner Umwelt zunächst überwiegend triebhaft-somatisch und emotional-vegetativ (prälogisch unbewusst), werden die späteren Kontakte hingegen zunehmend psychisch und verbal-kognitiv (logisch bewusstseinsfähig) und bauen auf den somatischen Erfahrungen der früheren Kindheit auf. Das bedeutet, dass in der Psyche nicht nur weiterhin grundlegende zwischen erwünschten und unterdrückten Triebstrebungen gespaltene Teilsubjektrepräsentanzen verankert bleiben, sondern im weiteren Reifungsprozess zunehmend auch gespaltene kognitive Selbstentwürfe (Selbstkonzepte, Schemata (vgl. ARBEITSKREIS OPD, 2006, S. 97 f.) hinzukommen. Die kognitiv komplexeren Teilsubjektrepräsentanzen bleiben jedoch ein Leben lang von den emotional-vegetativen Repräsentanzen sichtbar eingefärbt und bilden so einen erkennbaren psychischen Niederschlag von den primären somatischen Bedürfnissen (vgl. KLUßMANN, 1998, S. 23). Entsprechend dieser Interaktionen sowie der daraus resultierenden erotischen (angenommenes Sein) und aggressiven (abgelehntes Sein) Selbst- und Objektrepräsentanzen werden dabei auch die psychische Stabilität und die Flexibilität des Individuums von der primär-narzisstischen Wurzel an grundgelegt. Wenn man nun aus dem Vorherigen den Schluss ziehen kann, dass sich das Subjekt nur in dem Ausmaß als liebevoll, gut und angenommen empfinden kann, in welchem es in seinen primären Strebungen als lustvoll, erotisch und befriedigend vom Bezugsobjekt angenommen wurde, dann lässt dies ebenfalls den Schluss zu, dass sich das Subjekt bei übermäßiger Zurückweisung von primären Triebstrebungen als aggressiv, gefährlich und nicht liebenswert empfindet und genauso wiederkehrend mit sich selbst und seiner Umwelt verfährt. Der primäre unbewusste Selbstwert ergibt sich demnach bereits aus der Summe erotisch angenommener und aggressiv abgelehnter sowie unterdrückter Triebstrebungen.
Ziel einer therapeutischen Behandlung müssen dann innerhalb eines sozial verträglichen Rahmens die Aufdeckung, die Mobilisierung sowie die Ausrichtung grundlegend unterdrückter und abgelehnter aggressiver Organismusstrebungen auf die Objekte sein. Dies wird durch die liebevolle Reintegration der aggressiven Anteile in das Selbstbild erreicht. Hierzu braucht es eine vertrauensvolle, wertschätzende und annehmende Haltung des Therapeuten in einer echten Beziehung (vgl. FAIRBAIRN, 2007, S. 257 ff), da nur so der gesamte Organismus die Erfahrung machen und feststellen kann, dass er nicht mehr gefährlich für seine Umwelt und damit auch nicht mehr für sich selbst ist, sondern grundlegend primär-narzisstisch annehmbar und liebenswert, auch wenn er destruktive Anteile besitzt. Dies wiederum bildet die Grundvoraussetzung für ein gewisses Maß an Selbst- und Fremdliebe und ermöglicht eine unbefangenere und für die Lebenserhaltung notwendige Kontaktaufnahme mit der Umwelt. Sekundär ergibt sich daraus erst auch die Fähigkeit zu Bedürfnisaufschub bei dem anhaltenden Gefühl des Angenommenseins. Die unten aufgeführten vier Phasen stellen die zunächst auf rein triebhaften Strebungen beruhenden Objektbeziehungen entsprechend des somatischen Entwicklungsstandes des Organismus dar. Die belebten und unbelebten Objekte werden dabei noch somatisch-vegetativ über die Sinnesorgane, den Mund, den Anus, die Muskulatur oder auch die Geschlechtsorgane angestrebt. Im späteren kortikalen Reifen sowie im vermehrten Objektkontakt werden auf diese somatisch-vegetativen Grundlagen des Objektkontakts mit primären Objekten dann zunehmend verbal-kognitive Selbst- und Fremdkonzepte aufgebaut. Der Rückgriff auf die rein somatisch-vegetative Objektbeziehung bei Objektverlust stellt demnach eine ontogenetische Regression dar.
Zusammenfassend stelle ich fest: Menschliches Handeln, Fühlen und Denken werden maßgeblich durch primäre angenommene und abgelehnte gespaltene somatisch-vegetative Seinsentwürfe bestimmt. Sie sollen angesichts einer ständig unter der Anzweiflung lauernden Bedrohung der Seinsleere, die durch äußere böse Objekte oder innere bedrohliche Anteile hervorgerufen wird, ein gutes, volles und absolutes Seinsempfinden sowohl auf somatisch-vegetativer als auch auf verbal-kognitiver Ebene vermitteln und dieses verteidigen. Dabei werden die angenommenen erotischen Entwurfanteile verstärkt gezeigt, die abgelehnten aggressiven hingegen ausgeblendet, verdrängt, unterdrückt oder bekämpft. Diese primären gespaltenen Entwürfe erfahren in der Ontogenese verbal-kognitive Überbauten (Selbstkonzepte), welche jedoch bei Anzweiflung und Gefahr der Infragestellung (Nichtung) sofort zurück zu ihren somatisch-vegetativen Ursprüngen regredieren, um die entstandene existenzielle Seinsleere sogleich durch ein prälogisches Sich-in-Situation-begeben zu füllen. Man kann also nicht nichts sein! Die Art des regressiven und triebhaft-organischen Umgangs des Säuglings mit seiner Objektwelt und sich selbst bestimmt auch später symbolisch ein Leben lang die progressiven Objekt- und Subjektbeziehungen des gereiften Individuums. Das progressive und komplexe kognitive Engagieren in einen Seinsentwurf wird so durch ein rein biologisches und existenziell sehr drängendes neurotisches Engagieren ersetzt. Psychotherapeutisch gilt es dieses unangenehme existenzielle Drängen und Leiden des regressiven Sich-engagierens zu mindern. Dies wird erreicht, indem man sowohl auf verbal-kognitiver als auch begrenzt auf somatisch-vegetativer Ebene eingeengte, unbewusste und neurotische Seinsentwürfe, die ein grundlegendes Empfinden des Gutseins sichern sollen, durch Perspektivwechsel mithilfe eines therapeutischen Metaselbstentwurfs erweitert, sie flexibler und bewusster macht. Dadurch werden einem Wahlalternativen zur Verfügung stellt, die imstande sind eine Anzweiflung des bisherigen Seinsentwurfs durch ein erweitertes und freieres Selbstkonzept alternativ zu kompensieren. Ausgeblendete, verdrängte oder bekämpfte Schwächen, Unvollkommenheiten und Defizite können aus der erweiterten Perspektive des Metaseinsentwurfs leichter akzeptiert und angenommen werden. Das gute, volle und absolute Seinsempfinden wird dann durch das wiederkehrende Einnehmen eines Metaentwurfs geschützt, mit dem man sich durch die therapeutische Bewusstmachung nun aus der verinnerlichten Perspektive des überschauenden Therapeuten mit einem Abstand zu seinen bisherigen einengenden Entwürfen identifizieren und so beim Selbstreflektieren vor Anzweiflung schützen kann. Dieser Entwurf ist zwar durch seinen Umfang und seine Erweiterung etwas geschützter vor Nichtung, jedoch ist auch er nicht gänzlich davor gefeit. Neben einer wirklich schmerzvollen und mutig erarbeiteten Erweiterung des Selbstkonzepts mit einer Reintegration abgelehnter und Scham- sowie Schuldgefühle erzeugender Selbstanteile können solche Metaselbstentwürfe nicht selten auch die Qualität radikaler spiritueller, philosophischer oder religiöser Anschauungen erreichen. Diese wären dann eine falsche und unaufrichtige Selbstkonzepterweiterung, die nach wie vor hoch neurotisch und von ausgeprägter Verdrängung und Spaltung gekennzeichnet ist. Zudem versucht ein Zurückgreifen auf einen solchen spirituellen, transzendenten und allumfassenden Metaentwurf über die Tatsache hinwegzutäuschen, dass unser Sein fest in der Hand unbewusster, primärer und prälogischer Selbstentwürfe auf somatisch-vegetativer und emotionaler Ebene ist. Man kann sich noch so sehr an kognitive Überzeugungen klammern. Letztlich werden diese jedoch immer wieder regressiv von tief verwurzelten und existenziell drängenden (emotional, vegetativ) Seinsentwürfen übermannt und regelrecht weggefegt. Diese Begrenzung in der Freiheit der Selbstwahl als freien Entwurf kann man letztendlich nur akzeptieren und hinnehmen, will man sich nicht ständig neurotisch neu erfinden müssen und sich selbst etwas vormachen. Auch die Psychotherapie stößt in ihrem Versuch die Seinsentwürfe aufzuzeigen, sie zu erweitern und frei wählbar zu machen auf eine deutliche Grenze, da bei einer anhaltend gravierenden Seinsversagung (Objektverlust, Beziehungsabbruch, Anzweiflung, existenzielle Bedrohung) die verbal-kognitiven Überbauten und Seinskonzepte nicht mehr zur positiven Selbstbehauptung ausreichen und sofort von primitiven und existenziell drängenden somatisch-vegetativen Entwürfen, für die es keine kognitive Entwurferweiterung gibt, regressiv und ,unfreiwillig’ übernommen und ersetzt werden. Diese archaischen Bereiche bleiben der Psychotherapie weitestgehend unzugänglich, da sie nicht verbal-kognitiv erfassbar sind und die somatisch-vegetativen Entwürfe eben nur symbolisch, unvollständig und spekulativ ,begreifbar’ gemacht werden können.
Nach einer sehr kurzen primär-narzisstischen Phase physischer und psychischer Verschmelzung mit der Mutter unmittelbar vor und nach der Geburt durchläuft das Individuum die folgenden idealtypischen objektgerichteten Entwicklungsphasen (vgl. FAIRBAIRN, 2007, S. 171 ff), wobei es immer den befriedigten, entspannten und bedingungslos geliebten Zustand des Nicht-Ich (primär-narzisstisch) anstrebt, der sich in den späteren Phasen als sekundärer Narzissmus offenbart. Aus den dargestellten Phasen leiten sich unter anderem auch mögliche therapeutische Interventionen ab. So kann beispielsweise ein anal-zwanghafter Typus lernen, selbstwirksamer zu sein, indem er zunehmend Unordnung und Einmischen von außen sowohl auf physischer als auch auf psychischer Ebene aushält. In jedem Fall geht es darum sein Empfinden von Gut-sein auch ohne Objekte zeitweise in sich selbst aufrecht zu erhalten.
Die folgenden Phasen existieren in der Realität freilich nicht in einer derart voneinander differenzierten Weise. Vielmehr treten sie meist als Mischformen auf, deren Bestandteile man durch sorgsame Beobachtung herauskristallisieren muss:


Intentional (schizoid):

•Hintergrund: das Subjekt er- und begreift die Welt mittels seiner Sinnesorgane (Körpergrenzen) und erlebt durch eine empfundene Zurückweisung oder Unterversorgung eine tiefe Kluft und Trennung zwischen sich und der gefährlichen Welt da draußen; es erlebt sich als von der Welt getrenntes, schlechtes Ding; die Welt ist gefährlich, unberechenbar und unsicher; Angst, falsch zu sein; extreme Polarisation zwischen Gut und Böse
•Verteidigung bei drohendem Objektverlust: das Subjekt versucht mittels einseitiger Identifizierung mit dem fast übernatürlichen Guten unter extremer Verzerrung bis hin zur Ausblendung der Objektwelt das mit ihm verschmolzene Böse in der Außenwelt auf Distanz zu halten und zieht sich in sich selbst zurück; das Böse wird entweder selbstverletzend in einem selbst (autoaggressiv) bekämpft oder radikal im Außen verortet; übernatürlich jenseits der Welt sein gleich Gut-sein
•Motiv: Ich bin anders als Du! Die Welt und alle anderen sind nur kalt, böse und gefährlich! Sei wie ich oder Du bist böse!
•Ziel der Sozialisation: Lockerung der strikten Trennung zwischen rein guter und böser Subjektwelt sowie rein guter und böser Objektwelt; Gewinnen von Urvertrauen in das eigene Gutsein mit dem Gefühl des Eingebundenseins in der Welt (Hingabe an das Leben); Gut und Böse sind Bestandteil allen Seins und dürfen auch in einem selbst existieren; Erkennen, dass das Gegenüber im Innern kein gefährlicher Fremder ist, sondern ein Gleichgesinnter; in die Welt gehen und mir ihr verbunden sein


Oral (depressiv):

•Hintergrund: aggressive und undifferenzierte Objekteinverleibung und Identifizierung mit dem guten Objekt (Inkorporation, Introjektion) zur Füllung der Leere durch mangelnde libidinöse und physische Versorgung; Nehmen, Umschließen, liebend Aufzehren; Verschmelzung und Bindung, um ebenfalls gut zu sein
•Verteidigung bei drohendem Objektverlust: das Gute wird vom Subjekt selbst zur Selbstfüllung einverleibt, aufgezehrt und umklammert statt es vom Objekt versagt zu bekommen, von ihm abhängig zu sein und verhungern zu müssen; dem versagenden Bösen wird nun durch die selbstversorgende Unabhängigkeit des Subjekts seinerseits die Versorgung versagt; voll sein (versorgen) gleich Gut-sein
•Motiv: Ich bin wie Du, gehöre zu Dir und möchte nicht ohne Dich allein sein und mich selbst entwerfen müssen! Geh nicht, ich brauche Dich, um gut zu sein!
•Ziel der Sozialisation: das gute, füllende Objekt wieder loslassen und sich selbst ohne dieses als ein gutes und volles Subjekt empfinden; das mitgeschluckte Böse ausstoßen und sich von ihm abgrenzen; Angst vor Abgrenzung durch Überzeugung inneren Gut-seins überwinden


Anal (zwanghaft):

•Hintergrund: Abgrenzung, Verstreuung, Revier-/ Raumgrenzen; aggressive Verteidigung gegen das böse, fordernde, bestimmende, sich einmischende und infrage stellende Objekt; Objektausstoßung (Exkorporation, Projektion), Selbstwirksamkeit, Objektgestaltung und -kontrolle, Andersartigkeit; Gegenwehr gegen Fremdbestimmung und Anpassung
•Verteidigung bei drohendem Objektverlust: das Gute wird vom Subjekt selbst selbstwirksam erschaffen, produziert, geformt und konserviert (von Schmutz, Zweifel und Unordnung gereinigt und befreit) statt vom Objekt kränkend aufgezwungen; das eindringende Böse wird nun aggressiv beseitigt, beschmutzt/penetriert und bekämpft; sauber und ordentlich sein gleich Gut-sein
•Motiv: Die anderen Bösen bedrohen mich sowie meinen Entwurf durch Infragestellung und müssen weg! Lass mich in Ruhe! Wenn Du mich behinderst, vernichte ich Dich! Sei perfekt!
•Ziel der Sozialisation: das fordernde, böse, übermächtige und infrage stellende Objekt in seine Grenzen weisen und dessen Forderungen von den realen Anforderungen des Lebens trennen (säubern), um dessen Macht in Form von Selbstwirksamkeit zu übernehmen, ohne es dabei zu vernichten; Annehmen eigener aggressiver und abgrenzender Selbstanteile entgegen der einstigen Anpassung ohne Schuldgefühle aus ehemals bedingter Liebe


Genital-Phallisch/Ödipal (hysterisch [weiblich] / narzisstisch [männlich]):

•Hintergrund: das Subjekt von der Objektwelt bestätigen lassen müssen aufgrund mangelnden Selbstwertes; Abhängigkeit von der Bewunderung anderer; Festigung grundlegender Identität (insbesondere Geschlechtsidentität), Selbstaufwertung gegenüber sowohl dem selbstbezogenen und bindenden (abhängige Mutter) als auch dem erniedrigenden und unerreichbaren (autonomer Vater) Objekt (vgl. DREITZEL, 2004); Überbetonung eigener Macht, Größe und Grandiosität/Omnipotenz gegenüber empfundener Minderwertigkeit und Abhängigkeit; entweder in minderwertiger Abhängigkeit vom bindenden Elternteil (eigene Unterwerfung und Anbetung des grandiosen Vaters) oder in grandioser Unabhängigkeit des unerreichbaren Elternteils sein (eigene Selbsterhöhung und Erniedrigung der minderwertigen Mutter)
•Verteidigung bei drohendem Objektverlust: das Subjekt oder das identifizierte Objekt wird idealisiert, vergrößert und durch Leistung (Tuning) maximiert und aufgewertet statt vom Objekt kränkend verkleinert, minimiert und erniedrigt; das erniedrigende Böse wird nun entwertet und verkleinert; viel und besonderes haben und sein (überhöhter Anspruch an Geschlechtsidentität statt echter Zuwendung) gleich Gut-sein
•Motiv: Ich bin in meinem Entwurf besonders gut durch die bewundernde Bezugnahme der anderen auf mich – besonders als geschlechtlich begehrenswertes Individuum! Schau wie großartig ich bin; Du hast keine Chance gegen mich, denn ich bin besser!
Ziel der Sozialisation: die Festigung einer guten Subjekt- und Geschlechtsidentität ohne permanentes Angewiesensein auf bestätigende (spiegelnde) Objekte und viele grandiose Gegenstände; Verzicht auf Herabwürdigung anderer bei Konkurrenzempfinden; vorübergehend eigenständige Selbstwertregulation aus sich selbst heraus auch ohne Verweis auf grandiose Objekte; erreichbare realistische Geschlechtsidentität durch emotional erreichbare und zugleich führende geschlechtliche Vorbilder beider Eltern


Literatur

Abraham, K. (1999). Psychoanalytische Studien. Bd. I, S. 165–226, Gießen: Psychosozialverlag

Arbeitskreis OPD (Hrsg.). (2006). Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik OPD-2, S. 97 f., 1. Aufl., Bern: Hans-Huber, Hogrefe AG

Brisch, K. H. (2010), Bindungsstörungen – Von der Bindungstheorie zur Therapie, S. 36, 10. Aufl., Stuttgart: Klett-Cotta

Dreitzel, H. P. (2004). Gestalt und Prozess, S. 112–118, Abb. 15, 17, Bergisch Gladbach: Edition Humanistische Psychologie (EHP)

Fairbairn, W. R. D. (2007). Das Selbst und die inneren Objektbeziehungen, S. 89–170, 171–184, 205–211, 257–266, Gießen: Psychosozialverlag

Hügli, A. & Han, B. C. (2001). Heideggers Todesanalyse. In T. Rentsch (Hrsg.), Klassiker Auslegen, Bd. 25. Martin Heidegger, Sein und Zeit (S. 138). Berlin: Akademieverlag

Kernberg, O. F. (1998). Psychodynamische Therapie bei Borderline-Patienten, S. 98 f., 2. überarbeitete Aufl., Bern: Hans Huber

Klußmann, R. (1998). Psychosomatische Medizin, S. 9–23, 4. Aufl., Berlin, Heidelberg: Springerverlag

Mentzos, S. (2005). Neurotische Konfliktverarbeitung, S. 26, 42–50, 19. Aufl., Frankfurt am Main: Fischer Verlag

Reich, W. (2006). Charakteranalyse, S. 220–372, 405–409, 418–439, 449–469, 8. überarbeitete Aufl., Köln: Kiepenhauer & Witsch

Sartre, J. P. (2006). Das Sein und das Nichts, S. 833–848, 905, 970, 1048–1052, 12. Aufl., Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuchverlag

Schultz-Hencke, H. (1951). Lehrbuch der Analytischen Psychotherapie, S. 16–39, Stuttgart: Georg Thieme

Der pädagogisch-therapeutische Alltag als Bühne innerer psychischer Konflikte

Es gibt wenige pädagogische und therapeutische Bereiche, die so intensiv sind, wie die der stationären sozialtherapeutischen Jugendhilfe. In meiner beruflichen Tätigkeit mit schwer erziehbaren Kindern und Jugendlichen wurde mir zunehmend klarer, auf welche pädagogisch-therapeutischen Qualitäten es in diesem Kontext wirklich ankommt. Ich werde im Folgenden die Begriffe Pädagogik und Therapie immer als ein einheitliches Wort gebrauchen, da in der Arbeit mit dieser Klientel meines Erachtens keine Trennung zwischen pädagogischer und therapeutischer Arbeit vollzogen werden kann und darf. In meiner Arbeit mit schwer erziehbaren Kindern und Jugendlichen, die durch mehrfache soziale sowie psychische Auffälligkeiten gekennzeichnet sind, habe ich innerhalb des sozialtherapeutischen Konzepts viele verschiedene pädagogisch-therapeutische Herangehensweisen kennen gelernt. In einem multiprofessionellen Team bieten verschiedene Personen ganz spezifische pädagogisch-therapeutische Angebote an. Zu erwähnen sind unter anderem die Kreativ- und Arbeitstherapie, die Kunsttherapie, eine regelmäßige und individuell auf das Leistungsniveau der Schüler zugeschnittene Beschulung, Gartenprojekte, Sportangebote, Einzelpsychotherapie sowie ein Soziales Kompetenztraining. Im Laufe der Zeit hat sich jedoch eine Komponente als die stabilste und wirksamste herausgestellt. Die Rede ist hierbei von einer transparenten und hohen Struktur im Tagesablauf, die von einem starken und einheitlichen Team in Form einer stabilen Beziehungsgestaltung zu den Kindern und Jugendlichen getragen und gehalten werden muss. In diesem Halt gebenden engen Rahmen können Verhaltenskorrekturen sowie Verhaltensalternativen zum bisherigen dysfunktionalen Handeln geprobt und vollzogen werden (vgl. YALOM, 2005 b, S. 35). Natürlich bedeutet dieser Rahmen auch autoritäres Sanktionieren sozial gefährdenden Verhaltens. Gleichwohl gibt er aber auch Stabilität und Halt, sodass ein Kind bei mangelnder äußerer wie innerer Konsistenz wie in einer Art Korsett gehalten wird und weder sozial, noch physisch und seelisch aus dem Rahmen fallen kann. In der Sozialtherapie geht es genau darum, das zunächst äußere soziale Korsett zunehmend durch ein verinnerlichtes Korsett zu ersetzen. Das braucht allerdings Zeit und viel Geduld. Die hierzu anfängliche klare Autorität gewährleistet zwangsweise einen Schutz der Kinder und Jugendlichen vor ihren eigenen Schwankungen und damit vor den zukünftig sehr wahrscheinlichen Konflikten mit der Gesellschaft, von der sie sich sonst immer mehr ausgrenzen würden. Man schützt die Klientel hierdurch also längerfristig vor sozialer Isolation, die immer am Ende einer Laufbahn wie der gescheiterten Jugendhilfe, dem Strafvollzug oder der kriminellen Karriere steht. Bewusst und reflektiert eingesetzte Autorität, die auch Konfrontationen mit beziehungsgefährdendem Verhalten beinhaltet, bedeutet keinesfalls einen Machtmissbrauch. Sie ist vielmehr der tragende und schützende Rahmen, in dem Sanktionen, Korrekturen und eine stabile zwischenmenschliche Beziehung zu den Kindern und Jugendlichen stets nebeneinander stehen können und müssen. Bewusste Autorität und klare Grenzen sind ein spürbares Zeichen eines Interesses am Jugendlichen und holen ihn aus seinem regressiven Befriedigen am Konsum von Ersatzobjekten (Computerspiele, Süßigkeiten, Alkohol, Zigaretten, Sex…) zurück in die wertschätzende, vertrauensvolle und sichere Beziehung mit zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen, in welchen Triebimpulse begrenzt ausagiert und zugleich sanktioniert in sozial verträgliche Bahnen gelenkt werden können. Dieses wertschätzende und die Beziehung aufrecht erhaltende autoritäre Sanktionieren führt letztlich dazu, dass sich ein Jugendlicher trotz Eingrenzung seines triebimpulsiven und nach unbegrenztem Narzissmus (natürliche omnipotente Allmachtsfantasien) strebenden Verhaltens dennoch als annehmbar und liebenswert anerkennt. Autorität als wertschätzendes, berechenbares und klar handelndes Vorbild, welches nach außen Vertrauen in sich und andere ausstrahlt, verlangt also vom behandelnden Personal die Fähigkeit zur Selbstreflexion aber vor allem auch eine innere Stabilität sowie Führsorge und einen guten Kontakt mit sich selbst, um sich einerseits als ein reales Gegenüber in einer Beziehung zur Verfügung stellen und andererseits klare Sanktionen und Verhaltenskorrekturen umsetzen zu können, ohne sich dabei als schuldige Täter zu empfinden. Dass dies nicht gelingen kann, wenn der Behandelnde sich selbst keine Schwächen eingestehen kann – wobei er sich innerseelisch schwächt – und er so womöglich seine Autorität zu missbrauchen droht, liegt auf der Hand. Er kommt nicht umhin, seine ihn schwächenden ,dunklen’ Seiten an sich selbst wahr- und anzunehmen und sich so als ganze Person zu akzeptieren (vgl. YALOM, 2002, S. 55 ff). Dies ist die Grundvoraussetzung für ein Mindestmaß an notwendiger Eigenliebe und Selbstvertrauen, die auch im Außen authentisch spürbar sein müssen, um anderen Menschen Vertrauen in sich geben zu können. Zudem wird dieses Mindestmaß benötigt, um nicht von der narzisstischen Zuwendung durch die zu behandelnde Klientel existenziell abhängig zu sein und so vielleicht eigene Konflikte in die Beziehung unreflektiert einfließen zu lassen. Das soll keineswegs bedeuten, dass man stets vollkommen reflektiert im Umgang mit der Klientel sein muss oder überhaupt sein kann. Dieser Anspruch an sich selbst würde sehr bald zu Selbstüberforderung führen. Die durch gravierende Bindungsstörungen meist massiven Beziehungsdynamiken der Kinder und Jugendlichen bewirken immer wieder Verwicklungen der Betreuer in deren und eigene gestörte Beziehungsmuster. Daher müssen diese rechtzeitig reflektiert werden, um ein Aussteigen und damit ein Verstärken der Muster zu verhindern. Das Aussteigen und Loslassen der Verwicklung wiederum ist nur möglich, wenn man die eigenen verwickelten Anteile bereits an sich kennt und akzeptiert (vgl. KERNBERG, 1998, S. 70 ff) oder wenigstens bereit ist, sie kennen zu lernen. Damit verlieren sie an existenzieller Bedrohlichkeit in der eigenen Seele und können auch nicht mehr langfristig für dynamische Reinszenierungen durch die Klientel benutzt werden. Im Folgenden soll die pädagogisch-therapeutische Arbeit mit schwer erziehbaren Kindern und Jugendlichen stellvertretend für alle hochdynamischen Klienten mit gravierenden Selbstwertdefiziten aus der Perspektive der Ontologischen Psychologie, einer Mischung aus Existenzphilosophie und Objektbeziehungstheorie, betrachtet werden.
Das wesentliche Existenzphilosophische bildet hierbei die Fähigkeit des Menschen, durch einen Perspektivwechsel zu eigenen seelischen Anteilen einen gewissen inneren Abstand gewinnen und sich dadurch bewusster über sich werden zu können, statt diesen Anteilen unbewusst und blind ausgeliefert zu sein und sie neurotisch (ängstlich) getrieben ausagieren zu müssen. Durch Selbstreflexion und die Möglichkeit, sich durch Selbsterfahrung von seinen Selbstentwürfen zu distanzieren, kann er sich zunehmend als Seinsentwurf und freie Seinswahl betrachten und hierdurch anders und neu wählen (vgl. SARTRE, 2006, S. 816 ff). Er kann seinen zunächst noch existenziell umklammerten Entwurf durch Reflexion und Akzeptanz desselben loslassen und so unabhängiger von dessen einseitiger narzisstischer Bestätigung durch die Umwelt werden. Wir Menschen behandeln unsere Entwürfe von uns – unser Sein – wie zeitlich überdauernde Gegenstände, die vor der Vergänglichkeit allen Seins beschützt werden müssen, um unserer Existenz dadurch einen Sinn zu verleihen. Die Entwürfe sollen etwas Gutes, Stetiges und Festes sein, das von unserer Umwelt bedingungslos in dieser Form angenommen und gespiegelt werden muss, damit wir es uns selbst glauben (ebd. S. 817 f., 839 f.). Indem wir das geistig verdinglichte Sein aber festzuhalten versuchen und alle ihm unpassenden von der Gesellschaft verurteilten Anteile aus ihm ausblenden, machen wir uns einseitig von ihm abhängig und sind an es gefesselt. Mein verdinglichtes, abgegrenztes und klar definiertes Sein ist mein einseitiger Seinsentwurf, der mir maximale Zuwendung durch die Umwelt und damit auch maximales Sinn- und Seinsempfinden vermitteln soll (ebd. S. 805). Da aber die Existenz nach existenzphilosophischer Auffassung auf kein höheres Ziel verweist und damit nicht auf ein zu erreichendes Sein ausgerichtet ist, stehen einem alle möglichen Seinsentwürfe zur Selbstwahl frei zur Verfügung. Es gibt also kein richtiges oder falsches Sein, welches durch eine Essenz festgelegt ist (vgl. SARTRE, 2007, S. 166 f.). Vielmehr geht es im Leben nur darum, sich durch seine Seinsentwürfe maximal und zeitlich überdauernd sein zu machen, auch wenn dies ,nur’ egoistisch anmuten mag. Hierzu braucht der Mensch aber die anderen, die ihn durch ihr Spiegeln seines Entwurfs überhaupt erst in einer bestimmten erwünschten Weise sein machen. Die Grundvoraussetzung für eine freie Wahl des Selbstentwurfs eines jeden einzelnen bildet jedoch die Bedingung, dass sich die Entwürfe der Individuen einer Gesellschaft nicht gegenseitig behindern oder beschneiden, da sie alle dieselbe Seinsberechtigung haben (ebd. S. 165 f., 172 ff). Man ist also auch aus existenzphilosophischer Perspektive in seinem Entwurf nur so frei, wie man die Freiheit des anderen damit nicht beschränkt. Gerade bei neurotischen und beziehungsgestörten Kindern und Jugendlichen sind solche einseitigen Seinsentwürfe, die zumindest äußerlich von Einmaligkeit, Grandiosität und Überlegenheit gekennzeichnet sind, häufig anzutreffen. In ihrer Biographie zeichnet sich oft ein hohes Maß an Unterdrückung und Verdrängung von Persönlichkeitsanteilen ab, die durch mangelnde elterliche Vorbilder, gewalttätige Sanktionierungen oder Liebesentzug beziehungsweise stark ambivalente und unsichere Beziehungen zu den Bezugspersonen langsam aber stetig in den Hintergrund gedrängt wurden und so allmählich ein sowohl für die Jugendlichen selbst als auch ein für die sie umgebende Umwelt unberechenbares Eigenleben zu führen begannen. Menschen mit solchen frühen negativen Beziehungserfahrungen können kein stabiles Empfinden eines grundlegenden Gut-seins entwickeln. Das lässt sie ängstlich werden und eine ständige Bedrohung ihres Selbstwertgefühls und ihrer grundlegenden Existenzberechtigung spüren. Und wer seine Umwelt ständig als existenzielle Bedrohung erlebt, der ist bereit sich mit allen Mitteln dagegen zu wehren, auch mit körperlicher Gewalt. So wurden aus einst realen existenziell bedrohlichen Situationen angepasste neurotische Selbstentwürfe, die äußerst fragil wirken und unbewusst immer noch von existenziellen Ängsten, die inzwischen nicht mehr nötig wären, beherrscht werden. Die wenigen übrig gebliebenen und Erfolg sowie Zuwendung versprechenden ,guten’ Selbstentwürfe werden dann enorm überbetont und überhöht, um den überwiegenden inneren Mangel an Gefühl, gut und richtig zu sein, auszugleichen. Bleibt die Zuwendung durch die früheren Bezugspersonen aus, orientieren sich Jugendliche rasch an ihresgleichen und nehmen sich gegenseitig zum Vorbild und als Maßstab aller Dinge, statt ihren Eltern zu folgen, die in ihren Wert- und Normvorstellungen eher das Maß der Gesamtgesellschaft darstellen sollten. Sind die Zuwendung und Seinsbestätigung der Jugendlichen (auch mit ihren unterdrückten und gesellschaftlich entwerteten Anteilen) durch die sogenannte Peergroup erst einmal größer als die der erwachsenen Bezugspersonen, ist eine freiwillige Rückkehr zur führenden und respektvollen Autorität der Erwachsenen fast nicht mehr möglich. Kinder und Jugendliche versuchen dann häufig durch Überbetonung auch in ihren vermeintlich bösen Anteilen positiv bestätigt und akzeptiert zu werden, um sich so selbst annehmen zu können. Sie überhöhen sich selbst in ihrem bösen Entwurf und versuchen mit diesem die gesamte zuvor versagt gebliebene Seinsbestätigung und Beachtung mit einem Mal zu erhalten. Wer dies dennoch nicht tut und ihre einseitigen fragilen Entwürfe anzweifelt, der wird aggressiv und zur Not auch mit körperlicher Gewalt entwertet und auf ein Existenzniveau herabgewürdigt, welches nach ihrer Meinung gar nicht mehr imstande ist, ernstzunehmende Zweifel oder Kritik zu äußern. Die existenzielle Angst vor Objekt- und Selbstverlust (Isolierung, Einsamkeit und letztlich dem Nicht(s)sein) lässt sie mit aller ihnen zur Verfügung stehenden psychopathologischen bis hin zur delinquenten Gewalt an ihren fragilen Seinsentwürfen festhalten und diese verteidigen. Die Basis einer Behandlung solcher Kinder und Jugendlichen besteht in erster Linie in einem stabilen Erziehungsrahmen, dem sie sich nicht weiterhin entziehen können. In diesem können und müssen sie ihre gestörten Beziehungsmuster geschützt vor sich selbst und der Umwelt ausagieren und dadurch annehmen sowie korrigieren. Dabei verlieren die Muster an existenzieller Dringlichkeit und Dynamik. In diesem Rahmen und mit der reflektierten sowie aushaltenden Haltung der Betreuer (vgl. KERNBERG, 1998, S. 96) können die Kinder und Jugendlichen ihre verinnerlichten Konflikte stellvertretend für die früheren Bezugspersonen auf die behandelnden Personen und andere Gruppenmitglieder übertragen und an ihnen zu bekämpfen versuchen. Um aber gegenüber bindungsgestörten Kindern und Jugendlichen eine stabile und wohlwollende Haltung haben zu können, bedarf es einer ständigen Analyse der einzelnen Reaktionen sowohl der Behandelnden auf ihre Klientel als auch der Klienten aufeinander innerhalb ihrer Beziehungsgestaltungen (vgl. YALOM, 2005 b, S. 60). Diese Analyse bildet die Grundlage, um von den dysfunktionalen Beziehungsmustern einen inneren Abstand gewinnen zu können. Was aber passiert hierbei nun genau?
Jeder Mensch überträgt seine innerseelischen Konflikte, besonders die an sich ungeliebten und verurteilten Anteile, auf seine Umwelt, um diese dort zu bekämpfen und sich dadurch seelisch zu befrieden (vgl. MENTZOS, 2005, S. 268 f.). Andere Personen, insbesondere die einer Gruppe, sollen also stellvertretend für die eigenen Konflikte die ungeliebten Rollen übernehmen. Dabei entsteht in Gruppen eine sogenannten Matrix (vgl. FOULKES, 1974, S. 32 ff, 163 ff; YALOM, 2005 b, S. 37 ff, 64 f.), in welcher jeder Teilnehmer aus den vorhandenen Gruppenmitgliedern sein früheres krankmachendes Netzwerk, die Primärgruppe, inszenieren will, um zu ermöglichen, dass die guten und akzeptierten Anteile über die bösen und verachteten Anteile siegen können. So können diese zum Guten geformten Anteile wieder unbewusst ins Seelische reintegriert werden und dort ein sicheres Gefühl des Angenommen- und Geliebtseins vermitteln. Und genau diese Manipulation geschieht auch in einem so engen Erziehungsrahmen wie der Sozialtherapie, wobei in der folgenden Betrachtung der Fokus mehr auf die Übertragung und Gegenübertragung der Jugendlichen auf die Betreuer gelegt werden soll statt auf die Interaktion zwischen den Jugendlichen selbst. Die Kinder und Jugendlichen übertragen also ihre einseitig guten und bösen psychischen Subjekt- und Objektrepräsentanzen auf die betreuenden Personen (vgl. KERNBERG, 1998, S. 26 f.; YALOM, 2005 b, S. 39 f., 48, 57). Die Betreuer werden dann in derselben Weise voneinander zu spalten versucht, wie die Introjekte im Seelischen der Jugendlichen voneinander gespalten sind (vgl. YALOM, 2005 b, S. 34). So wird also mindestens eine behandelnde Person mit dem guten Anteil des Kindes besetzt und dadurch unrealistisch idealisiert. Ebenso wird mindestens eine Person mit dem negativen abgespaltenen Anteil besetzt und folglich unrealistisch entwertet und bekämpft. Das innerseelische Gefüge des Jugendlichen wird also auf mehrere Personen als eine Art lebender Organismus übertragen. Die nun einseitig dyadisch gut und böse besetzten Betreuer sollen durch massive Idealisierung sowie Entwertung immer mehr von einander entfernt und dadurch gespalten werden (vgl. KERNBERG, 1998, S. 98 f.). Ziel dieser unbewussten Inszenierung ist die nun gegenseitige Bekämpfung der behandelnden Personen. Einer der Betreuer fühlt sich dem anderen unrealistisch und übermäßig selbstbewusst überlegen und greift den vermeintlich schwächeren an und entwertet diesen. Der andere fühlt sich dagegen vom idealisierten Betreuer zu Unrecht massiv angegriffen und unrealistisch entwertet, was in ihm ein Minderwertigkeitsempfinden auslöst. Nur auf diese Weise der Übertragung ihrer innerseelischen Konflikte auf Personen ihrer Umwelt können die sonst im Jugendlichen selbst abgespaltenen und strikt voneinander getrennten Introjekte miteinander in den Dialog und in den Kontakt treten. Genau hierin liegen also sowohl die große pädagogisch-therapeutische Chance als auch die wesentliche Gefahr in der Arbeit mit hoch beziehungsdynamischen Menschen. Es ist nur dann eine Chance, wenn sich die widersprechenden und bekämpfenden Selbst-Objekt-Dyaden (ebd. S. 105) des Kindes einander deutlich an den Betreuern zeigen und sich durch die Reife der Behandelnden offen begegnen können ohne sich dabei gegenseitig zu vernichten. Wenn die gespaltenen Betreuer entsprechend in der Lage sind zu erkennen, dass ihre gegenseitige Spaltung und die damit einhergehenden Empfindungen von Idealisierung und Entwertung nicht der Erfahrung von sich selbst entsprechen, die sie sonst durch die Spiegelung aus ihrer Umwelt haben, können sie sich sowohl von ihrer unrealistisch empfundenen Grandiosität als auch von der enormen Minderwertigkeit distanzieren (ebd. S. 80 f.). Hierzu bedarf es aber der inneren Stärke der Behandelnden, sich selbst von inneren Minderwertigkeits- und Grandiositätsempfindungen loszulösen, auch wenn die Versuchung groß ist, sich mit einem dieser Empfindungen einseitig zu identifizieren. Wer sich also innerlich oft selbst als minderwertig und klein empfindet, steht in der großen Versuchung, entweder die einseitige Idealisierung des Jugendlichen anzunehmen und so sein eigenes Minderwertigkeitsempfinden zu kompensieren. Es kann aber auch umgekehrt vorkommen, dass er sich plötzlich ebenso einseitig mit dem Minderwertigkeitsempfinden identifiziert und sich verzerrt als das vom idealisierten Betreuer bekämpfte Opfer wahrnimmt, was wiederum zu Frust Wut und Aggression gegenüber dem abwertenden Kind und dem von diesem idealisierten Betreuer führen kann. In beiden Fällen wirkt die Spaltung besonders dann effektiv, wenn die Betreuer ihrerseits viele vermeintlich negativen Selbstanteile aus ihrer Person ausschließen und so ihr Selbstwertgefühl durch die ständige Bedrohung böser Anteile in sich selbst schwächen lassen (vgl. YALOM, 2005 b, S. 60). Je mehr man also innerseelisch gespalten ist, desto leichter und massiver gelingt die inszenierte Spaltung durch die hochdynamische Klientel. Spaltung in sich selbst soll hierbei nichts anderes bedeuten, als dass jeder Mensch ganz bestimmte Eigenschaften besitzt, die er an sich mag, schätz sowie überbetont und mit denen er versucht sich einseitig zu identifizieren, um von seiner Umwelt positiv gespiegelt zu werden (vgl. MENTZOS, 2005, S. 199 f.). Andere Eigenschaften mag er hingegen gar nicht an sich, wodurch er dann versucht sie anderen unterzuschieben, sie zu verleugnen oder zu verdrängen. Für solche Eigenschaften schämen wir uns im Allgemeinen und fühlen uns für sie schuldig und minderwertig, da sie uns in der persönlichen Entwicklungsgeschichte Zurückweisungen und Missbilligung durch die Umwelt einbrachten. Mit ihnen will man nichts zu tun haben und es verletzt und kränkt einen, wenn man mit ihnen identifiziert wird. Dennoch bilden die frühesten und existenziell drängenden Persönlichkeitsanteile unsere grundlegenden verinnerlichten Objekte der frühen Kindheit, wodurch sie unseren Charakter und unsere Beziehungsgestaltung determinieren. Damit bilden sie auch unweigerlich die ,Standbeine’ unserer Existenz, ohne die wir nicht ,laufen’ können. Entsprechend dieser grundlegenden Spaltung eines jeden Menschen werden in der Arbeit mit hochdynamischen Kindern und Jugendlichen nicht nur die behandelnden Personen untereinander intersubjektiv in einseitig gute und böse Objekte gespalten, sondern auch die betroffene Person intrasubjektiv in sich selbst. Genau dies ist bei der schizoiden Disposition der Fall (vgl. FAIRBAIRN, 2007, 89 ff). Diese zeichnet sich gerade dadurch aus, dass man aufgrund sich massiv bekämpfender negativer Introjekte das Empfinden hat, minderwertig, unterlegen, schlecht sowie unzureichend und dadurch nicht liebenswert um seiner selbst willen zu sein. Durch das erhebliche Überwiegen unterdrückender negativer und kränkender Introjekte gegenüber den sehr wenigen guten verinnerlichten Objekten wird in einigen von uns Menschen eine fast ständige existenzielle Angst empfunden, verlassen, isoliert sowie einsam sterben gelassen zu werden. Man reagiert in seiner Verletzlichkeit durch seine Umwelt dann derart empfindlich auf Zurückweisungen, dass man seine wenigen und sehr fragilen guten Introjekte mit einer massiv anmutenden innerseelischen Trutzburg vor Anzweiflung und vermeintlichem Angriff schützt und verteidigt. Um mögliche Anzweiflungen und Infragestellungen des sehr empfindlichen und zerbrechlichen guten Selbstentwurfs zu verhindern, werden extrem feine ,Sensoren’ gegen die vermeintlichen Gefahren aus der bedrohlichen Umwelt ausgerichtet. Mit ihnen kann dann die Gefahr schon viele ,Meilen gegen den Wind’ wahrgenommen werden. Diese hohe Empfindsamkeit psychischer Sensoren ermöglicht dem Individuum einen sehr sensiblen und feinfühligen Zugang zu Menschen, die ähnlich massive Spaltungen und unbewusste Konflikte in sich tragen. Ihre Sensibilität ermöglicht ihnen ein tiefes Verständnis und Mitgefühl für den schizoiden Zustand anderer, in welchem sie sich existenziell bedroht und teilweise von der Welt der anderen abgeschnitten empfinden. Damit sind Menschen, denen dieser gelegentliche Zustand innerer Spaltung und Selbstentfremdung bekannt ist, geradezu prädestiniert, auch selbst pädagogisch-therapeutisch zu arbeiten. Der wesentliche Unterschied zur Klientel besteht jedoch darin, dass professionell arbeitende Personen durch Selbsterfahrung über ihre negativen und positiven Introjekte (Selbstentwürfe) Bescheid wissen und sich diesen überwiegend bewusst sind, was einen Zustand verstärkter Selbstbewusstheit mit sich bringt. Wissen sie dagegen zunächst noch nicht bewusst über sich – ihre typischen Reaktions- und Abwehrmechanismen – Bescheid und verspüren dennoch ein tiefgreifendes Gefühl der Entwertung oder Idealisierung, so können sie zumindest daraus schließen, dass in der Gegenwart einer anderen Person ein unbewusster Selbstanteil in Resonanz und Schwingung gekommen ist, den es sich als behandelnde Person anzuschauen und zu reflektieren gilt (vgl. KERNBERG, 1998, S. 83 f.). Durch die Selbsterfahrung können sie ihre Reaktionen auf manipulatives Verhalten und ihre eigenen Persönlichkeitsanteile, die dadurch ins Schwingen und Ausagieren gebracht werden, reflektieren und sich so innerlich von diesen als Selbstentwürfe distanzieren. Übrigens manipuliert jeder Mensch seine Umwelt, um positiv gespiegelt zu werden. Es wird ihnen dadurch aber auch ermöglicht, die innere existenziell drängende Gefühlswelt des manipulierenden Jungendlichen nachzuempfinden, da er seine innere Spaltung nun auch in der behandelnden Person erzeugt. In der bewussten Reflexion eigener als schwierig empfundener Selbstanteile nehmen die Betreuer jedoch sogleich eine wohlwollende beobachtende Perspektive eines reiferen Introjektes ein, welches freilich auch wieder ein Seinsentwurf auf einer höheren Ebene darstellt. Man kann davon ausgehen, dass diese reifere und mehr überschauende Perspektive, die eine professionell arbeitende Person gegenüber ihren Klienten einnimmt, aus den verinnerlichten Sichtweisen wohlwollender und akzeptierender Selbsterfahrungsbegleiter (Lehrtherapeuten) stammt. Diese in der Ontogenese erst wesentlich später und daher weniger existenziell drängenden verinnerlichten Objekte ermöglichen einen akzeptierenden und annehmenden Umgang mit vermeintlich schwierigen und existenziell bedrohlichen Introjekten der frühesten Kindheit und Jugend. Die reifen Seinsentwürfe werden den unreifen früheren Seinsentwürfen sozusagen als wohlwollende Eltern zur Seite gestellt und erlauben es der betreffenden Person, sich selbst in den ungeliebten Anteilen bewusst zu erkennen und anzunehmen. Der Perspektivwechsel bedeutet das Reflektieren und Loslassen seiner vermeintlich negativen Selbstentwürfe als solche und damit ein sich selbst bewussteres Sich-in-Situation-begeben (vgl. SARTRE, 2006, S. 941 ff) in einen umfassenderen und reiferen Seinsentwurf. Fakt ist, dass die gespaltenen Anteile des Jugendlichen auch im behandelnden Therapeuten nur dann besonders zum Schwingen gebracht werden können, wenn dieser ebenfalls über ähnliche gespaltene gute und böse Introjekte verfügt (vgl. KERNBERG, 1998, S. 83 f.). Er kann also zunächst gar nicht anders, als in diesem inszenierten Beziehungsmuster vorerst selber in sich einseitig grandios oder minderwertig mitzuschwingen. Seine eigene intrapsychische Spaltung sich widersprechender Seinsentwürfe sowie sein Eingeständnis derselben bilden sozusagen die Grundlage des Gelingens und reflektierenden Verstehens des gestörten Beziehungsmusters, welches vom Klienten manipulativ inszeniert wird. Kommt es nun durch Inszenierungen der Kinder und Jugendlichen zu unbewussten und unreflektierten Spaltungen unter den Behandelnden, sodass sie sich stellvertretend für die Jugendlichen gegenseitig bekämpfen, dann verstärken sie unbewusst das innere gestörte seelische Gefüge der Jugendlichen. Die Kinder und Jugendlichen sehen dann ihre innere gespaltene Realität in der äußeren bestätigt. Sie können ihr Selbstwertgefühl dadurch zwar kurzzeitig stabilisieren, indem sie den besiegten bösen Feind in Form einer realen Person in der Außenwelt belassen, ihn dort weiter bekämpfen und die siegende gute sowie grandiose Person, mit der sie sich nun identifizieren, wieder psychisch in sich aufnehmen. Damit verhindern sie aber auch weiterhin, dass sich die gespaltenen Anteile gegenseitig akzeptieren und liebevoll annehmen können. Dieses liebevolle, mutige, offene und wertschätzende Annehmen aller Selbstanteile (Entwürfe) konnten die früheren Bezugspersonen nicht gewährleisten. Gelingt also die Spaltung unter den Professionellen, können die sich gegenseitig bekämpfenden innerseelischen Anteile der Kinder erneut weder versöhnen noch in Frieden existieren lassen. Die innere Zerrissenheit wird so wieder bestätigt und verfestigt statt aufgelockert. Folglich bleibt der Betroffene weiterhin von abgespaltenen bösen Selbstanteilen unterdrückt, was zu einem ausgeprägten Minderwertigkeitsempfinden führt. Um dieses erdrückende Empfinden zu kompensieren und das Selbstwertgefühl kurzzeitig zu stabilisieren, können wir Menschen entweder unsere fragilen Selbstfragmente, egal, ob positiv oder negativ, überbetonen oder vermeintlich bedrohliche Objekte in der Umwelt massiv entwerten und bekämpfen. Das gelingt jedoch nur solange, bis die inneren Unterdrücker wieder lauter werden und sie das Selbstwertgefühl erneut schmälern. Kein Mensch bringt die psychische Kraft auf, seine inneren Feinde dauerhaft durch die emotional aufwendige Manipulation der Umwelt von sich fernzuhalten oder sich der Umwelt einseitig anzupassen. Um dennoch die einmal entstandenen Spaltungstendenzen zwischen den Behandelnden zu unterbinden, ist es notwendig, dass der idealisierte Betreuer rasch in die Rolle des entwerteten wechselt, um ihn in seiner Rolle zu entlasten und die Abwehr so auf beide gleich zu verteilen. Zudem müssen die Kinder und Jugendlichen korrigierend erfahren, dass die vermeintlich gespaltenen Betreuer trotz der ihnen einseitig zugeschriebenen Attribute sowohl enormer Grandiosität als auch absoluter Minderwertigkeit friedlich und wohlwollend miteinander umgehen und auch verlässlich im Kontakt miteinander bleiben (vgl. YALOM, 2005 b, S. 40). Nur so kann im Extremfall durch das Entgegensetzen einer einheitlichen ,Front’ eine Spaltung verhindert werden, wobei sich die Betreuer abwechselnd als Übertragungsobjekte für die Jugendlichen zur gegenseitigen Entlastung zur Verfügung stellen, jedoch dabei nie nachtragend die Beziehung abbrechen (vgl. KERNBERG, 1998, S. 84). Die Behandelnden müssen also in jedem Fall zunächst einmal in diese Dynamik des Gespaltenwerdens hineingeraten und sie spüren, um sowohl in sich selbst als auch untereinander in eine existenzielle Beziehungsdynamik zu gelangen, die in abgeschwächter Form der Beziehungserfahrung ihrer Klienten ansatzweise entspricht. (vgl. YALOM, 2002, S, 81 ff). Dieses zunächst unbewusste Mitschwingen im dysfunktionalen Beziehungsmuster ist umso ausgeprägter, je weniger man über seine eigenen blinden Flecken im Bilde ist und je weniger man über seine neokortikalen Funktionen des Frontallappens mit der grundlegenden Fähigkeit zur Selbstdistanzierung verfügt. Ist man psychisch und physisch längere Zeit hindurch angespannt, verängstig und dadurch gestresst, stehen einem nicht mehr alle neokortikalen Funktionen einwandfrei zur Verfügung, woraufhin immer mehr phylogenetisch niedere und instinkthaftere Gehirnschichten die Steuerung des Individuums übernehmen. Der kognitive Puffer, wie ich ihn nenne, ist durch längere seelische Belastung aufgebraucht und der Organismus gerät dann in einen archaischen Selbsterhaltungsmodus, in dem es weniger kognitiv kontrolliert, als vielmehr reflexartig emotional auf Angriff oder Verteidigung bezogen zugeht. Und genau dann gerät man nur allzu schnell in eine Stimmung, in der man eigene unbewusste existenziell drängende Anteile unreflektiert auf die Kinder und Jugendlichen überträgt und diese dann auch an ihnen bekämpft. Es bedarf also einer regelmäßigen Erholung für Körper und Psyche. Nur unter der Bedingung einer eigenen Selbstbewusstheit kann man sich als ein zwischen den abgespaltenen Anteilen der Jugendlichen vermittelndes Hilfs-Ich bewusst, reflektiert und immer wieder kontrolliert und offen mitschwingend in die Beziehung mit psychisch beeinträchtigten Klienten begeben. Dadurch gelingt das notwendige rasche Aussteigen aus dem manipulierten Muster mittels Selbstreflexion eigener Minderwertigkeits- und Größenfantasien. Das Gegenüber kann in seiner Entwicklung nur dann wirklich profitieren und so die Spaltung am Vorbild der wertschätzenden Betreuer auch innerlich nach und nach aufheben, wenn es die Professionellen ebenfalls schaffen, aus den eigenen unbewussten und einseitigen Anteilen auszusteigen. Die behandelnden Personen sind Vorbildrollen, die von den Kindern und Jugendlichen teilweise introjiziert werden (ebd. S. 90 ff). Daher obliegt den Professionellen die Verantwortung, weiterhin wertschätzend miteinander umzugehen, ohne den Kontakt zueinander abzubrechen oder sich zu bekriegen. Man muss also seine eigenen ,Feinde’ (Verletzlichkeiten…) gut kennen, um nicht ständig wieder in ihre früheren existenziellen Fänge zu geraten. Damit bieten solche Spaltungsversuche unter Behandelnden durch hochdynamische Klienten immer auch eine große Chance für die Professionellen selbst, ihre inneren Konflikte aufgezeigt zu bekommen und an ihren abgespaltenen ,Schwächen’ zu arbeiten. Es ermöglicht den Kindern und Jugendlichen letztlich sowohl ein Loslassen einseitig guter oder böser Seinsentwürfe ohne massive existenzielle Ängste als auch ein Erlangen von mehr Freiheit im eigenen Sein. Das stabile und die eigenen bösen Selbstrepräsentanzen aushaltende authentische Team lässt sich durch hochdynamische Spaltungsversuche nicht auseinanderbringen und zeigt, dass es sowohl positive als auch negative Anteile friedlich nebeneinander in sich vereint belässt, ohne dass diese sich existenziell bekämpfen müssen. Damit bleiben wider Erwarten die gegenseitige Isolation der Teammitglieder sowie der damit einhergehende existenziell bedrohliche Beziehungsabbruch aus. Der Klient erfährt hierdurch, dass er trotz massiver Überhöhung seiner vermeintlich destruktiven Selbstanteile von seiner Umwelt ausgehalten wird, ohne dass er in existenzielle Konflikte gerät (vgl. YALOM, 2005 a, S. 478 ff). Dann können sowohl die Behandelnden als auch die Klienten vermehrt spielerisch zwischen den Selbstfragmenten pendeln, wodurch sie nicht mehr gezwungen sind, krampfhaft und wackelig auf nur einem Bein zu stehen und mit diesem – bildlich gesprochen – unbeholfen durch das Leben zu hüpfen. Der seelische Organismus kann dann mithilfe des zuvor ,amputierten’ Beines wieder ruhiger und sicherer gehen, ohne bei jedem Hindernis aus der Umwelt sogleich ins Straucheln zu geraten. Durch die Abnahme der empfundenen existenziellen Bedrohung durch die in der Gegenwart unterdrückten Selbstanteile nimmt die Verletzlichkeit durch mehr innere Stabilität spürbar ab. Es kommt zur Ausbildung von erheblich mehr Selbstvertrauen durch Selbstakzeptanz und Selbstliebe. Auf der ,Bühne’ des alltäglichen Gruppengeschehens spielen sich genau diese inneren ,Theaterstücke’ der Jugendlichen in Form von Reinszenierungen ab. Natürlich besteht auch noch die Gefahr, dass sich die Kinder und Jugendlichen für ihre Inszenierungen wegen der Unmöglichkeit, ein pädagogisch-therapeutisches Team zu spalten, dann andere instabilere Personen suchen, um die frühere Welt weiter zu beleben und so nicht Angst vor Veränderung und Selbstverlust haben zu müssen. Das versuchen sie insbesondere gegenseitig an sich und an ihren bisherigen Bezugspersonen wie Eltern, Geschwistern oder Freunden. Genau hier verhindert allerdings ein enger sozialtherapeutischer Rahmen sowohl das Ausweichen auf andere Objekte als auch den befürchteten Selbstverlust bei Veränderungen der Beziehungsgestaltung. Manchmal sind eben die Bindungen und das Beziehungsverhalten der Kinder und Jugendlichen derart beeinträchtigt, dass sie nur in einem derart hoch strukturierten geschlossenen Rahmen ausreichend aufgefangen und therapiert werden können.
Elementar für das Widerstehen eines multiprofessionellen Teams gegenüber massiven Manipulationen und Spaltungsversuchen durch die Klientel ist ein sicherer und tragender Rahmen, der das Team durch eine klare, berechenbare und vertrauensvolle Leitung stützt. Es ist also sehr wichtig, dass das behandelnde Personal seinerseits Stabilität und Vertrauen in seine Kompetenz und sein grundlegendes Gut-sein erfährt, um eigene Verwicklungen mit den Klienten reflektieren und sich diese eingestehen zu können. Ein professionelles Team kann seinen zu behandelnden Kindern und Jugendlichen nur maximal so viel Empfinden von Sicherheit und Vertrauen in ein tiefgreifendes Richtig- und Gut-sein vermitteln, wie es dieses selbst durch seine leitenden Führungskräfte erfährt. Es kann also nur ,Fehler’ an Kindern und Jugendlichen verzeihen, wenn es sich diese auch selber an sich selbst verzeihen kann und ihm diese verziehen werden. Dabei muss Kritik für begangene Fehler sachlich bleiben und darf nicht die gesamte Person vernichtend infrage stellen. Schafft es also eine Einrichtung nicht von der Spitze an eine solche vertrauensvolle Beziehung und emotionale Stabilität gegenüber den Mitarbeitern zu gewährleisten, werden damit Spaltungen und unprofessionellem Handeln der Mitarbeiter Türen und Tore geöffnet. Die existenzielle Bedrohung des Verlustes des Arbeitsplatzes ist hierbei nicht zu unterschätzen. Gelingt es also nicht, die existenzielle Bedrohlichkeit aus den Interaktionen zwischen den Hierarchien herauszunehmen und diese durch Vertrauen, Wertschätzung und authentischen Dialog zwischen Menschen derselben Existenzberechtigung zu ersetzen, kann auch ein derart schwieriges Unterfangen wie das der Resozialisierung von schwer erziehbaren Kindern und Jugendlichen nicht gelingen. Spaltungen in professionellen Teams gelingen in erster Linie genau dann, wenn die Spaltungsdynamik, welche von der schwierigen Klientel ausgeht, auch unbewusst von einzelnen des Teams sowie der Teamleitung unmerklich aufgegriffen und übernommen wird. Einseitige Idealisierung und Entwertung werden dann nicht als zum Klienten gehörig wahrgenommen, sondern einzelnen Mitarbeitern des Teams tatsächlich unterstellt. Ohne es zu bemerken bleiben dann einige Mitglieder des Teams mit dem übermäßig idealisierten Anteil der Kinder und Jugendlichen identifiziert und missbrauchen ihn unbewusst, um die von den Kindern entwerteten Teammitarbeiter auch ihrerseits zu bekämpfen. Hierbei spielt jedoch häufig die eigene Konfliktdynamik leitender Personen eine entscheidende Rolle. Je mehr diese in sich selbst unwissendlich wesentliche Persönlichkeitsanteile aus existenzieller Angst, für diese in der Gesellschaft in Isolation zu geraten, unterdrücken und abspalten, desto größer ist dann ihre Versuchung, diese vermeintlich minderwertigen Anteile an Kollegen und Untergebenen mittels Spaltung zu bekämpfen. Das ermöglicht ihnen häufig, sich selbst mit der ihnen von der Klientel übergestülpten idealisierten Rolle zu identifizieren und eigene negative Anteile am anderen zu bekämpfen. Gerade Führungspersonen müssen daher sehr gut über ihre eigenen Stärken und Schwächen Bescheid wissen und diese auch bis zu einem gewissen Grad an sich akzeptieren. Nur so ist es möglich ein Team vor Manipulation zu schützen und regelrechte Retraumatisierungen sowohl der Klientel als auch des professionellen Teams zu unterbinden. Und das gilt wiederum allgemein für alle Formen menschlicher Führung und damit auch für Leitungspositionen ökonomisch ausgerichteter Unternehmen!


Literatur

Fairbairn, W. R. D. (2007). Das Selbst und die inneren Objektbeziehungen, S. 89–170, Gießen: Psychosozialverlag

Foulkes, S. H. (1974). Gruppenanalytische Psychotherapie, S. 32–35, 163–167, München: Kindler Verlag

Kernberg, O. F. (1998). Psychodynamische Therapie bei Borderline-Patienten, S. 26 f., 70–73, 80 f., 83 f., 96, 98 f., 105, 2. überarbeitete Aufl., Bern: Hans Huber

Mentzos, S. (2005). Neurotische Konfliktverarbeitung, S. 268 f., 199 f., 19. Aufl., Frankfurt am Main: Fischer Verlag

Sartre, J. P. (2006). Das Sein und das Nichts, S. 805, 816–824, 839 f., 941–943, 12. Aufl., Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuchverlag

Sartre, J. P. (2007). Der Existentialismus ist ein Humanismus, S. 165–167, 172–176, 4. Aufl., Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuchverlag

Yalom, I. D. (2002). Der Panama-Hut oder was einen guten Therapeuten ausmacht, S. 55–58, 81–83, 90–92, 7. Aufl., München: Goldmann

Yalom, I. D. (2005 a). Existenzielle Psychotherapie, S. 478–481, 4. vermehrte Aufl., Bergisch Gladbach: Andreas Kohlhage

Yalom, I. D. (2005 b). Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie-Ein Lehrbuch, S. 34, 35, 37–40, 48, 57, 60, 64 f., 8. Aufl., Stuttgart: Pfeiffer bei Klett-Cotta